- Eltern und Kind
Erschwerte Bedingungen: Wenn Diabetes und ADHS zusammenkommen
5 Minuten

ADHS ist nichts Schlimmes, wenn man diese “Störung” rechtzeitig erkennt und behandelt. Das Stigma, mit dem ADHS oft noch behaftet ist, gehört nicht mehr in diese Welt. ADHS ist auch kein Erziehungsfehler. Viele berühmte Persönlichkeiten haben ADHS – und in gewissen Lebensphasen manchmal auch viele Probleme. Bei ADHS gibt es Verläufe mit ausgeprägten und solche mit milden Symptomen. ADHS kommt bei Diabetes Typ 1 häufiger vor, wie aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, und kann den Umgang mit der Krankheit erschweren.
Sowohl ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) als auch Diabetes Typ 1 haben genetische Ursachen und treten häufiger in Kombination auf. Außerdem verläuft die Reifung des Gehirns bei Diabetes manchmal anders. Das kann verschiedene Ursachen haben: Der Alltag mit Diabetes führt oft zu einer Überstimulation. Ständig muss man die Glukosewerte im Kopf haben, die KE-Tabelle usw. Hinzu kommen Zweifel, ob man auch alles richtig macht, und Frustrationen, wenn man keine Fehler entdecken kann und die Einstellung trotzdem nicht funktioniert.
Keine Ruhe fürs Gehirn
Das Gehirn kommt kaum zur Ruhe, ähnlich wie bei ADHS. Es entsteht Stress, und unter Stress kann niemand klar denken, die Hirnreifung wird weiter verzögert. Bei ADHS ist u. a. die Fähigkeit zu seriellen Handlungen gestört. Die Betroffenen können außerdem schlecht vorausplanen, sich Ziele setzen und das eigene Handeln an die aktuellen Erfordernisse anpassen. Selbstkontrolle und Arbeitsgedächtnis sind also gestört. Und genau diese Funktionen sind bei einer chronischen Erkrankung wie Diabetes Typ 1 erforderlich.
Fallbeispiel aus der Praxis
Lisa ist 13 Jahre alt, als sie zum ersten Mal in meine Praxis kommt. Diabetes hat sie mit 9 Jahren bekommen. Zunächst lief es auch ganz gut. Okay: Schule war schon immer doof, die Lehrer, die einen nie richtig verstanden haben, die Mitschüler, die einen stets genervt haben, die Hausaufgaben, die immer ewig dauerten. Und nachmittags? Eigentlich kein Bock auf nix.
Mit 8 Jahren war Lisa schon mal beim Psychiater, war aber alles okay. Jetzt mit dem Diabetes wurden Konzentration und Schulnoten schlechter, der Blutzucker lag immer mal wieder daneben. “Das liegt an der Pubertät, das wird wieder”, erklärte der Diabetologe den Eltern. Aber sogar mehrfache stationäre Diabetes-Schulungen änderten auf Dauer nichts. Ihr HbA1c lag bei 10 %. Dabei versteht Lisa eigentlich alles, was man ihr in der Schulung erzählt. Nur schafft sie es nicht, die Dinge im Alltag umzusetzen. Ein Glukose-Sensor? Bloß nicht! Der würde ja dann rund um die Uhr hohe Werte anzeigen. Einfach mal “nicht messen” ginge dann nicht mehr.
Beim ersten Gespräch wirkte Lisa total gelangweilt von meinen Fragen, oft war die Antwort: “Weiß ich nicht.” Nach kurzer Zeit wurde sie mürrisch und ungehalten: “Wie lange soll das hier noch dauern.” Doch als ich den Eltern etwas über die Gehirnentwicklung bei ADHS erzählte, wurde sie ganz ruhig, hörte aufmerksam zu und stellte sogar ein paar Fragen. Das kam ihr bekannt vor – die vielen Hirnzellen, die nur filtern können zwischen “mache ich gerne” und “mache ich nicht gerne” und nicht zwischen “wichtig” und “unwichtig”.
Bereitwillig sagte sie am Ende des Erstgesprächs zu, nochmals wiederzukommen und u. a. einen Computer-Test mit mir zu machen. Zum Abschlussgespräch einige Wochen später war Lisa ganz gespannt: “Was meint der Arzt wohl damit, ich bräuchte eventuell eine Brille für mein Gehirn, um meine Gedanken besser sortieren zu können?”
Ich konnte bei Lisa eine ADHS feststellen. Bereits am folgenden Wochenende konnte sie unter Anleitung ihrer Eltern mit der Behandlung mit Medikamenten beginnen. Schon am zweiten Tag war plötzlich alles in ihrem Kopf sortierter. Sie konnte jetzt Dinge umsetzen, die sie auch schon früher theoretisch konnte, aber doch nicht geschafft hatte. Messen und Spritzen gingen jetzt viel schneller, das Abschätzen der Kohlenhydrate war kein Problem mehr, sie war nicht mehr so vergesslich und konnte auch mal den Spritz-Ess-Abstand abwarten. Die elenden, immer wieder gleichen Diskussionen mit den Eltern hörten auf. Ohne eine Änderung der Insulineinstellung sank das HbA1c innerhalb weniger Wochen auf 8,5 % und in der Folgezeit blieb es dauerhaft unter 8 %.
Lisa und ihre Eltern sind heilfroh, diesen Schritt gegangen zu sein. Lisa geht nun wieder regelmäßig zu ihrem Reitverein, ist viel selbstbewusster geworden und auch ihre Schulleistungen sind sehr zufriedenstellend. Ihre Lebensqualität ist gestiegen.
Das Zusammenspiel zwischen ADHS und Diabetes
Dass Zucker im Gehirn wirkt, weiß jeder, der mal von einer Über- in eine Unterzuckerung (Hypoglykämie) gerutscht ist. Und auch für das Insulin kann man im Gehirn Rezeptoren nachweisen. Auch wenn durch Blutzuckerschwankungen meist keine bleibenden Schäden entstehen, kann man sich vorstellen, dass sie die Hirnreifung beeinflussen können. Das Gehirn ist ein Organ und steht in ständigem Austausch mit allen Organen.
Auch wenn es heute Systeme zur automatisierten Insulindosierung (AID-Systeme) gibt, die die Stoffwechseleinstellung erheblich erleichtern: Das wichtigste Hilfsmittel ist und bleibt bei Diabetes das Gehirn. Wir wissen heute, dass bei ADHS die Hirnreifung prinzipiell nicht anders verläuft als bei Menschen ohne ADHS, aber zeitlich verzögert. Die Ritualisierung, die Automatisierung gewisser Handlungen benötigt länger, braucht mehr Übungsrunden.
Bei Diabetes sollte aber genau dies möglichst früh reif sein. So kommt es im Sinne eines Teufelskreises zu einer Verstärkung der ADHS-Symptome. ADHS, welches bei vielen Menschen nur unterschwellig vorhanden ist, tritt nun zutage und macht das Leben mit Diabetes umso schwerer.
Symptome für eine begleitende ADHS bei Typ-1-Diabetes
- schwer einstellbarem Diabetes Typ 1
- anhaltend hohem HbA1c/häufigen Ketoazidosen/häufigen schweren Hypoglykämien
- familiärer Belastung mit psychischen Erkrankungen: ADHS, Depression, Burnout, Suchterkrankungen …
- Fettleibigkeit, Double-Diabetes (Insulinresistenz), Bluthochdruck
- Asthma bronchiale, Neurodermitis
- Einnässen, Einkoten, Verstopfung
- Sprachentwicklungsstörung, Lese- oder Rechenschwäche, Lernstörung, Störung von Grob-/Feinmotorik, Ticstörung, Hörwahrnehmungsstörung
- Migräne, chronisch wiederkehrenden Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen
- Suchtverhalten, Mediensucht, substanzabhängiger Suchterkrankung
- weiteren Autoimmunerkrankungen: Zöliakie, Hashimoto-Thyreoiditis, multiple Nahrungsmittelunverträglichkeiten
- Epilepsie, Schlafstörungen, Restless-Legs-Syndrom, Schlafwandeln, Zähneknirschen
Medikamentöse Therapie – zumindest vorübergehend
Und wie man einem Menschen mit einer Sehstörung eine Brille verordnet, so benötigt ein ADHS-Patient zumindest für eine gewisse Zeit eine Brille, um seine Hirnzellen besser zu sortieren, um alle eintreffenden Reize besser filtern zu können, um alltägliche Tätigkeiten zu ritualisieren. Der Erfolg führt dann wiederum zu einer positiven Verstärkung der Entwicklung, zu Selbstwirksamkeit und Selbstbewusstsein. Was man einmal gelernt hat, geht so schnell nicht wieder verloren. Eine medikamentöse Therapie ist meist nicht lebenslang notwendig bei ADHS.
Gerade beim sich noch entwickelnden jugendlichen Gehirn kann dies Folgen für das gesamte spätere Leben haben. Das Gefühl, etwas stets zu versuchen, aber nicht erfolgreich meistern zu können, führt zu einer fortdauernden Frustration. Der junge Mensch entwickelt ein geringes Selbstwertgefühl, verdrängt und resigniert und empfindet permanenten Stress. Ständige Frustrationen können im ungünstigen Fall sogar zu Depression, zu Aggression, zu Suchtmittelgebrauch oder sonstigen psychischen Störungen wie Bulimie oder Anorexie führen.
Auch Übergewicht ist eine Substanzabhängigkeit, die Droge heißt in diesem Fall oft Zucker. Die Therapie solcher Störungen im jungen Erwachsenenalter ist deutlich schwieriger und oft langfristig erfolglos, da der Beginn stets in der Kindheit und Adoleszenz liegt. Deswegen sind eine frühe Diagnose und Therapie dringend erforderlich.
Nach ADHS fahnden!
Auf einen Blick
- ADHS ist keine erfundene Erkrankung, kein Erziehungsfehler!
- ADHS kommt häufig begleitend zum Diabetes Typ 1 vor.
- Warnzeichen sind u. a. gehäufte Ketoazidosen, schwere Hypoglykämien, hohes HbA1c.
- ADHS schränkt die Lebensqualität stark ein (Selbstwertgefühl) und kann unbehandelt zu anderen psychischen Erkrankungen führen.
- ADHS ist gut behandelbar, wenn man die Störung rechtzeitig erkennt.
Wenn Eltern einen entsprechenden Verdacht haben, sollten sie den betreuenden Kinder-Jugend-Arzt darauf ansprechen. Bei einer chronischen Erkrankung wie Diabetes mellitus Typ 1 lohnt es sich oft, auch eine ADHS in Betracht zu ziehen, zumindest dann, wenn die Stoffwechselziele trotz ausreichenden Wissens über Diabetes nicht erreicht werden können, wiederholt Hypoglykämien oder Ketoazidosen, also Übersäuerungen des Körpers bei hohen Glukosewerten, auftreten oder bei Übergewicht ein Double-Diabetes vorliegt. Letzterer ist das gleichzeitige Vorliegen eines Typ-1- und eines Typ-2-Diabetes.
Selbstverständlich können auch Blutzuckerschwankungen zu Konzentrationsproblemen oder Impulsivität führen. Bestanden jedoch Auffälligkeiten bereits vor der Diabeteserkrankung oder liegen solche in der Familie (Eltern, Geschwister) vor, liegt wahrscheinlich eine psychische Erkrankung wie ADHS vor.
Nach diagnostischer Bestätigung einer ADHS sollte man nicht nur eine Psychotherapie beginnen, sondern begleitend zeitnah auch eine medikamentöse Therapie mit möglichst langwirksamen Stimulanzien erwägen. Die Idee, die Pubertät einfach auszusitzen, funktioniert bei Diabetes nicht. Es gibt keine Auszeit vom Diabetes, die Folgeerkrankungen sind möglicherweise irreversibel! Eine erfolgreiche Therapie der ADHS kann man bei Patienten mit Diabetes messen und zwar an der Verbesserung des Stoffwechsels, zum Beispiel am HbA1c oder am Glukoseverlauf (Time in Range).
Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2023; 11 (3) Seite 10-12
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thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen, 1 Tag
Hallo Philipa,
beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
Viel Erfolg
Thomasphilipa postete ein Update vor 3 Wochen, 1 Tag
Hallo zusammen,
Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?- ole-t1 antwortete vor 2 Wochen, 6 Tagen
Hallo philipa,
Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
Beste Grüße
lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 1 Monat, 1 Woche
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Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/Wer ist am Start?
Virtuelles Diabetes-Anker Community-MeetUp im Juli – Diabetes-Anker
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