- Eltern und Kind
GdB 50 plus Merkzeichen H: Recht auf Status einer Schwerbehinderung?
3 Minuten

Wann steht Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes ein Grad der Behinderung (GdB) von 50 plus Merkzeichen H zu? Dies wurde vom Bundessozialgericht nun konkretisiert. Gibt es einen finanziellen Ausgleich für die erhebliche Beeinträchtigung der Teilhabe? Was muss veranlasst werden?
Der Grad der Behinderung (GdB) ist das Maß für die Beeinträchtigung eines Menschen an der Teilhabe am Leben. Es geht um die körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Auswirkungen aufgrund eines Gesundheits-Schadens.
Anhand der Versorgungsmedizin-Verordnung (VersMedV) wird der GdB in einem Maßstab von 0 bis 100 bewertet, wobei ein GdB von mindestens 50 als Schwerbehinderung gilt. Außerdem können bestimmte Merkzeichen anerkannt werden.
GdB 50: die Voraussetzungen
Ein GdB von 50 liegt demnach vor bei an „Diabetes erkrankten Menschen, die eine Insulintherapie mit täglich mindestens vier Insulininjektionen durchführen, wobei die Insulindosis in Abhängigkeit vom aktuellen Blutzucker, der folgenden Mahlzeit und der körperlichen Belastung selbständig variiert werden muss, und durch erhebliche Einschnitte gravierend in der Lebensführung beeinträchtigt sind“.
Der erste Teil dieser Voraussetzung ist im Prinzip bei fast jedem Kind mit Typ-1-Diabetes gegeben. Fraglich (und strittig) ist jedoch oft die Frage nach den gravierenden Einschnitten in der Lebensführung.
Grad der Behinderung
- Kindern mit Typ-1-Diabetes steht nicht automatisch ein GdB 50 zu, er kann ihnen aber zustehen.
- Für die Feststellung müssen Einschränkungen in der Lebensführung nachgewiesen werden.
- Bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres wird stets Hilflosigkeit angenommen.
Neues Urteil bringt Rechtssicherheit
In dieser Frage hat das Bundessozialgericht (BSG) nun in einer Entscheidung vom 12.12.2024 (B 9 SB 2/24 R) erstmals konkrete Kriterien benannt. Im Folgenden werden die entsprechenden Faktoren aufgeführt, sodass nun hier Rechtssicherheit vorliegt: Allein die Einschnitte, die mit der Insulintherapie zwangsläufig verbunden sind, genügen nicht.
Ein GdB von 50 erfordert vielmehr einen besonderen Therapie-Aufwand, einen unzureichenden Therapie-Erfolg oder sonstige, durch die Krankheitsfolgen herbeigeführte erhebliche Einschnitte in der Lebensführung. Solche Einschnitte können sich bei der Planung des Tagesablaufs, der Gestaltung der Freizeit, der Zubereitung der Mahlzeiten oder der Mobilität zeigen. Ihre Feststellung erfordert eine am Einzelfall orientierte Beurteilung. Bei der Beurteilung ist das betroffene Kind mit gleichaltrigen, gesunden Kindern in seiner alterstypischen Lebenssituation zu vergleichen.
Konkret wurden harte und weiche Faktoren formuliert, die zur Anerkennung einer Schwerbehinderung erfüllt sein müssen.
Harte Faktoren sind demnach beispielsweise:
- hypoglykämische Entgleisungen (Unterzuckerungen) mit erforderlicher Fremdhilfe,
- stationäre Behandlungs- Bedürftigkeit,
- Folgeschäden an anderen Organen oder
- nennenswerte Zeiten von Kita-, Schul- oder Arbeitsunfähigkeit.
Allein das gesteigerte Ausmaß an Hilfe und Begleitung durch die Eltern stellt keinen gravierenden Einschnitt in die Lebensführung dar. Hier müssen zusätzlich weiche Faktoren erfüllt werden. Das BSG sagt: „Eine dauernde elterliche Begleitung und Überwachung minderjähriger Diabetespatienten kann im Einzelfall trotzdem einen höheren GdB bedingen, wenn sie nachweisbar die Integrationsfähigkeit des Kindes erheblich beeinträchtigt, etwa weil sie es in eine Sonderstellung bringt, die sich negativ auf seine psycho-emotionale Entwicklung auswirkt (…) oder notwendige nächtliche Blutzuckerkontrollen der Eltern seinen Schlaf in teilhaberelevanter Weise stören.“
In der vorherigen Instanz wurden beispielsweise soziale Probleme, gravierende Verhaltensauffälligkeiten oder eine deutlich verringerte soziale Akzeptanz als solche Faktoren genannt. Die bloße Möglichkeit, dass das Kind ohne die Aufsicht und Begleitung der Eltern weitgehend von Aktivitäten ausgeschlossen sein könnte, reicht zudem nicht.
Zusätzliche Einschnitte in der Lebensführung müssen darüber hinaus ausreichend gewichtig sein. Insoweit wäre der Vergleich zu den Teilhabe-Beeinträchtigungen anderer Behinderungen heranzuziehen, für die in der VersMedV ein Wert von 50 fest vorgegeben ist. Unabhängig davon kann auch durch eine außergewöhnlich schwer regulierbare Stoffwechsellage ein höherer GdB vorliegen.
Rechte und Nachteilsausgleiche bei GdB 50 plus Merkzeichen H
- steuerlicher Pauschbetrag für Menschen mit Behinderung von 7400 Euro
- steuerlicher Pauschbetrag für Pflegepersonen
- steuerlicher Fahrtkosten-Pauschbetrag von 4500 Euro
- steuerliche Berücksichtigung von Hilfe im Haushalt
- Möglichkeit der Befreiung von der Kraftfahrzeugsteuer
- Möglichkeit der Freifahrt im öffentlichen Personenverkehr
- Möglichkeit des Preisnachlasses beim Neuwagenkauf
Für Hilflosigkeit Merkzeichen H
Als „hilflos“ gelten nach der VersMedV die Menschen, „die infolge von Gesundheitsstörungen – (…) ‚nicht nur vorübergehend‘ – für eine Reihe von häufig und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen zur Sicherung ihrer persönlichen Existenz im Ablauf eines jeden Tages fremder Hilfe dauernd bedürfen“. Die ständig notwendige Begleitung und Überwachung von Kindern mit Typ-1-Diabetes durch Eltern erfüllt nach der Rechtsprechung des BSG diese Voraussetzung und rechtfertigt somit das Merkzeichen H.
Daher ist bei Diabetes mellitus bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres stets Hilflosigkeit anzunehmen. Danach verfällt der Anspruch auf dieses Merkzeichen in der Regel, da ältere Jugendliche die erforderlichen Maßnahmen meist selbstständig und eigenverantwortlich durchführen können.
GdB 50 und Merkzeichen H beantragen
Um einen GdB 50 sowie das Merkzeichen H zu erhalten, ist ein Antrag auf Feststellung bei dem örtlich zuständigen Versorgungsamt notwendig. Besteht bereits ein niedrigerer GdB, kann ein Verschlimmerungsantrag gestellt werden.
Das Versorgungsamt fordert daraufhin Befund- und Behandlungsberichte von den behandelnden Ärztinnen und Ärzten an. Außerdem wird die Dokumentation der Glukose-Messungen und Insulin-Dosierungen benötigt. Hier genügt in der Regel der pdf-Export der Daten des kontinuierlichen Glukose-Messens (CGM) und aus der Insulinpumpe.
Diese Unterlagen werden vom Versorgungsamt an den internen medizinischen Dienst zur Beurteilung weitergeleitet. Das Versorgungsamt erlässt dann einen Feststellungsbescheid. Auf Antrag wird ein Ausweis über die Eigenschaft als schwerbehinderter Mensch ausgestellt, welcher als Nachweis für die Inanspruchnahme von Leistungen und sonstigen Hilfen dient.

Für Beiträge in der Rubrik Eltern und Kind kooperiert der Diabetes-Anker u.a. mit der Deutschen Gesellschaft für pädiatrische und adoleszente Endokrinologie und Diabetologie (DGPAED). Der Verband setzt sich dafür ein, die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes und anderen Stoffwechselerkrankungen zu erhalten und zu verbessern.
von Rechtsanwalt Matthias Meyer
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2025; 73 (5) Seite 44-45
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katrin-kraatz schrieb einen neuen Beitrag vor 4 Tagen, 1 Stunde
Diabetes-Anker-Podcast | Extra: Gürtelrose bei Diabetes – Risiken, Symptome und Vorbeugung im Überblick
In dieser Podcast-Sonderfolge geht es um Gürtelrose bei Diabetes. Dr. Katrin Kraatz spricht mit Diabetologe Dr. Dietrich Tews über Risiken, Symptome u …florahdo postete ein Update vor 6 Tagen, 1 Stunde
Hallo zusammen, ich arbeite gerade an einer Seminararbeit zum Thema „Die Behandlung von Typ-1-Diabetes mit CRISPR/Cas“ (eine Methode der Gentechnik). Dazu habe ich eine Umfrage erstellt und suche dafür Menschen mit Typ-1-Diabetes, die einige Fragen beantworten könnten zu ihrer Einstellung gegenüber dem Einsatz dieser Technologie zur Behandlung von Typ-1-Diabetes. Die Umfrage ist vollständig anonym und dauert etwa 5 Minuten, sie richtet sich ausschließlich an Menschen mit Typ-1-Diabetes. Es würde mir enorm weiterhelfen, wenn sich Teilnehmer finden würden!
Der Link zur Umfrage lautet: https://forms.cloud.microsoft/r/PN2hqhkuLB
Vielen Dank für eure Unterstützung! 🙂
mr postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag
Hallo kann mir jemand einen Tipp geben wie ich On Pot Gerichte mit Reis besser schätzen kann.
- katrin-kraatz antwortete vor 3 Tagen, 9 Stunden
Hallo mr,
Dein Problem, die Kohlenhydrate wie Reis in einem One-Pot-Gericht richtig einzuschätzen, vor allem wenn es für mehrere Personen gekocht ist oder Du es im Restaurant bestellst, kennen sicher viele – ich auch. Einfacher ist es, wenn Du nur für Dich kochst. Ich wiege tatsächlich, trotz mehr als 50 Jahren Diabetes, in diesem Fall vorher Reis, Nudeln oder was auch immer vorher ab. Dann weiß ich genau, wie viel es ist.
Ansonsten heißt es: Augenmaß! Gut ist, immer wieder mal eine bestimmte Menge Reis abzuwiegen und zu kochen (mache ich so). Dann sieht man die Menge und bekommt ein besseres Gefühl für die Menge beim Schätzen. Natürlich verteilt sich gerade Reis sehr gut zwischen den anderen Zutaten, aber ob es “viel” oder “wenig” ist, kann man meist erkennen.
Sinnvoll finde ich außerdem (und nicht nur ich), gerade bei eher schwierig einzuschätzenden Kohlenhydratmengen die Insulindosis eher zu gering anzusetzen und lieber später höhere Werte zu korrigieren oder – falls ein AID-System im Einsatz ist – dieses seinen Job machen zu lassen. Denn eine Hypo direkt nach dem Essen finde ich deutlich weniger angenehm.
Eine Patentlösung gibt es also nicht. Vielleicht helfen Dir die Tipps trotzdem etwas?



