Kinderdiabetologie im Wandel

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Kinderdiabetologie im Wandel

Das Diabetes Eltern-Journal feiert Geburtstag – das erste Jahrzehnt liegt hinter uns. Es lohnt sich ein Blick zu den Anfängen der Insulintherapie, um einordnen zu können, welch eine rasche Entwicklung die Diabetestherapie in den letzten Jahren genommen hat.

Die epochemachende Extraktion des wirksamen Insulins aus tierischen Bauchspeicheldrüsen gelang 1921 den beiden kanadischen Forschern Frederick Banting und Charles Best. Am 11. Januar 1922 wurde der 14-jährige Leonard Thompson als erster Patient im Toronto General Hospital mit dem Extrakt behandelt. Der Diabetes konnte mit Hilfe der Insulingabe zwar nicht geheilt, aber wirkungsvoll behandelt werden. 1922 wurden die Forschungsergebnisse veröffentlicht, das ist also nicht einmal hundert Jahre her. 1923 wurde die Entdeckung mit dem Nobelpreis belohnt.

Die Pioniere der Insulinbehandlung

Die Methode der Insulinsubstitution mit den verfügbaren kurzwirkenden Insulinpräparationen, die 2-, 3- oder 4-mal am Tag injiziert wurden, fand während der folgenden Jahre immer neue Modifikationen. Elliot Joslin propagierte in Boston vor allem die Schulung von Patienten, regelmäßige Stoffwechselselbstkontrollen mit Hilfe von Uringlukosemessungen und die Feinabstimmung von Insulinbehandlung, Nahrungszufuhr und körperlicher Bewegung. So entstand der Begriff der Drei-Säulen-Therapie.

Der deutsche Kinderdiabetologe Karl Stolte war bei der Behandlung diabetischer Kinder und Jugendlicher seit Ende der 20er Jahre eigene neue Wege gegangen. Er löste sich von den streng berechneten Kostformen und entwickelte eine Insulinbehandlung, die aus heutiger Sicht als Vorläuferin einer intensivierten Insulintherapie bezeichnet werden kann: “die täglich neue Adaptation der Insulindosis an die freigewählte Nahrungszufuhr”.

Im Gegensatz zu Stolte praktizierte die Mehrzahl der damals führenden Diabetologen eine Therapieform, deren erklärtes Ziel es war, dem Patienten die häufigen Insulininjektionen zu ersparen, d. h. nur ein- oder zweimal am Tag Insulin zu spritzen. Nach Einführung der Verzögerungsinsuline Mitte der 30er Jahre war die Durchführung dieser konventionellen Insulintherapie mit einem unflexiblen Diätregime noch einfacher geworden.

Pumpentherapie auf dem Vormarsch

Es dauerte aber bis zur DCCT-Studie aus dem Jahr 1993, dass der Vorteil einer Liberalisierung der Ernährung, die Unabhängigkeit von festen Insulindosen und Injektionszeiten mit der Möglichkeit, die Behandlung flexibel an die unterschiedlichsten Lebenssituationen anzupassen, wissenschaftlich belegt wurde. Daten zur Kinderdiabetologie in Deutschland liefert das von Reinhard Holl in Ulm entwickelte DPV-Programm. So nahm in Deutschland der Anteil der konventionell behandelten Kinder und Jugendlichen (1 oder 2 Injektionen pro Tag) von 46 % (1995) auf 14 % (2001) ab.

Seit etwa dem Jahr 2000 zeigt sich ein neuer Trend: Immer mehr Kinder und Jugendliche werden mit einer Insulinpumpe behandelt. Während zunächst vor allem Jugendliche eine Pumpe bekamen, zeigt der aktuelle Gesundheitsbericht Diabetes 2018, dass sich die Pumpe in den letzten drei Jahren vorrangig bei der Therapie sehr junger Patienten durchgesetzt hat: 92 % aller Diabetes-
patienten, die 2016 jünger als 5 Jahre waren, verwendeten eine Insulinpumpe. Bei den älteren Jugendlichen (15 bis 18 Jahre) waren es lediglich 45 %.

International zeigen sich erhebliche Unterschiede: In England und Wales werden nur 14 % der Kinder und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes mit einer Insulinpumpe behandelt, in den USA sogar 47 %. Patienten mit Migrationshintergrund bzw. ethnische Minderheiten werden in allen Ländern seltener mit einer Pumpe behandelt, ebenso tragen Jungen seltener eine Pumpe als Mädchen.

Fällt Europa zurück?

Mit der Weiterentwicklung kontinuierlicher Messverfahren zur Glukosebestimmung im Unterhautgewebe ergibt sich jetzt der Weg zur automatischen, selbstgesteuerten Insulinpumpe. 2016 wurde die erste Hybrid-Closed-Loop-Pumpe in den USA zugelassen, die bei drohender Unterzuckerung nicht nur die Insulinzufuhr unterbricht, sondern auch bei hohen Werten zusätzliches Insulin abgibt und somit besonders nachts für stabile Glukosewerte sorgt.

Anfang 2018 sind aber bislang in Europa weder Studien noch eine Zulassung für dieses System erfolgt. In einem Call to Action haben über 800 Teilnehmer des Diabetes-Technologie-Kongresses (ATTD) im Februar in Wien Gesundheitspolitiker, Industrie und Behörden aufgerufen, die Zulassungsprozesse zu beschleunigen, damit auch in Europa mit der raschen wissenschaftlichen Entwicklung der Diabetesbehandlung Schritt gehalten werden kann.

Ob eine Pille zusätzlich zum Insulin oder ein künstliches Pankreas, welches viele Anpassungen der Insulindosis automatisch durchführt: Die nächsten 10 Jahre in der Kinderdiabetologie versprechen weitere neue Entwicklungen.|


von Prof. Dr. Thomas Danne
Kinderdiabetologe, Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin „Auf der Bult“, Hannover, Vorstandsvorsitzender diabetesDE

Kontakt:
Kirchheim-Verlag, Kaiserstraße 41, 55116 Mainz, Tel.: (06131) 9 60 70 0,
Fax: (06131) 9 60 70 90, E-Mail: redaktion@diabetes-journal.de

Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2018; 11 (1) Seite 6-7

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  • thomas55 postete ein Update vor 6 Tagen, 1 Stunde

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 6 Tagen, 19 Stunden

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 3 Wochen

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

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