Lebenswelt-orientierte Kurse im Projekt GaDiaKi: Diabetes-Gruppenschulungen für Kinder und Jugendliche

3 Minuten

Lebenswelt-orientierte Kurse im Projekt GaDiaKi: Diabetes-Gruppenschulungen für Kinder und Jugendliche | Foto: Sana - stock.adboe.com
Foto: Sana - stock.adboe.com
Lebenswelt-orientierte Kurse im Projekt GaDiaKi: Diabetes-Gruppenschulungen für Kinder und Jugendliche

Wie können Kinder und Jugendliche so geschult werden, dass sie fit sind für einen eigenständigen Umgang mit ihrer Diabetes-Therapie in allen Alltagssituationen? Dafür soll das Projekt GaDiaKi sorgen, bei dem mehrere Partner zusammenarbeiten, um lebenswelt-orientierte Gruppenschulungen anzubieten.

Das Projekt GaDiaKi-Schulungskurse ist im Februar diesen Jahres gestartet. GaDiaKi steht für „Ganzheitliche interprofessionelle Diabetes-Gruppenschulungen für Kinder und Jugendliche in einem kindgerechten Alltagssetting“. Es läuft als Forschungsprojekt vom 1. Februar 2026 bis 31. Januar 2029 und wird aus Mitteln des Innovationsfonds zur Förderung neuer Versorgungsformen gefördert (§ 92a Absatz 1 SGB V).

Ziel ist es, die Wirksamkeit und deutschlandweite Übertragbarkeit eines erprobten Schulungskonzepts für Kinder und Jugendliche wissenschaftlich zu überprüfen und das Programm langfristig in die Regelversorgung zu überführen.

Schulungsbedarf bei Jüngeren

Die Häufigkeit von neu auftretendem Typ-1-Diabetes unter Kindern und Jugendlichen steigt. Rund 35 000 Kinder und Jugendliche sind inzwischen insgesamt in Deutschland betroffen.

Eine zentrale Säule der Versorgung ist eine wiederholte, altersgerechte Schulung, um Kinder und Jugendliche zu einem selbstständigen Umgang mit ihrer Erkrankung zu befähigen. Laut der S3-Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) sollen Kinder und Jugendliche mindestens alle zwei Jahre Folgeschulungen erhalten.

Daten des Diabetes-Patienten-Verlaufsdokumentations-Registers (DPV-Register) zeigen jedoch, dass nur 56 Prozent aller Kinder innerhalb von fünf Jahren nach Manifestation erneut geschult werden. Besonders auffällig ist der Rückgang von Gruppenschulungen. Als Ursachen werden eingeschränkte personelle und finanzielle Ressourcen sowie die Einführung neuer Diabetes-Technologien diskutiert. Systeme zur automatisierten Insulin-Dosierung (AID) ermöglichen eine stabilere Stoffwechsel-Situation und verbessern die Zeit im Zielbereich (Time in Range, TIR).

Jedoch steigt der Schulungsbedarf, da der langfristige Therapie-Erfolg entscheidend davon abhängt, wie Kinder und Jugendliche lernen, ihr Selbstmanagement, die psychosozialen Anforderungen und die technischen Möglichkeiten in ihren Alltag zu integrieren und auch bei technischen Störungen handlungsfähig zu bleiben.

GaDiaKi: Schulungen neu denken

Hier setzt das Schulungskonzept GaDiaKi an. Die Kinder und Jugendlichen werden durch ein multiprofessionelles Team in einem Kurs von fünf bis sieben Tagen betreut. Die Gruppen bestehen aus 16 bis 20 Teilnehmenden. Die Schulung erfolgt durch das kinder- und jugenddiabetologische Team, ergänzt durch psychologische und pädagogische Fachkräfte.

Vier bis acht junge Erwachsene mit Typ-1-Diabetes pro Gruppe unterstützen als Mentoren und Mentorinnen das Team und die Kinder. Sie bringen ihre Erfahrungen überall ein, wo sie als Vorbild und Unterstützung benötigt werden. Das Einbringen der Betroffenen-Perspektive im Gesundheitswesen ist zwar allseits gewünscht, doch bleibt die langfristige Einbindung von Menschen mit Typ-1-Diabetes in die Schulung eine der größten Herausforderungen, da diese Leistungen bislang über das SGB V nicht geregelt sind.

Diese Partner arbeiten zusammen:

  • Pro Kid: Grundlage des Projekts ist das von Pro Kid entwickelte und erprobte Konzept. Der Lehrplan wurde bereits als „Herdecker Kids mit Diabetes“ (HeDiKi) beforscht. Pro Kid unterstützt die Schulungszentren, wenn sie der Interventionsgruppe zugelost wurden.
  • Der Bund diabetischer Kinder und Jugendlicher (BdKJ) setzt sich für das Implementieren der Mentorinnen und Mentoren ein und organisiert Vorbereitungs-Schulungen, Betreuung und Finanzierung dieses Parts.
  • Zwei Krankenkassen (BARMER und IKK classic) tragen wesentlich zum Konzept der Finanzierung der Kurse im Projekt bei. Mit einem besonderen Versorgungsvertrag ermöglichen sie die Teilnahme ihrer eigenen Versicherten. Damit auch alle anderen gesetzlich Versicherten das Angebot nutzen können, gibt es zusätzlich die Möglichkeit, die Behandlung direkt mit dem Studienzentrum zu vereinbaren. Wichtig ist ihnen auch, wie das Konzept langfristig in die Regelversorgung integriert werden kann.
  • Die wissenschaftliche Überprüfung erfolgt durch das Deutsche Diabetes-Zentrum (DDZ) an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und durch die Universitätsmedizin Mainz.
  • Die Leitung des Konsortiums hat die Universität Witten/Herdecke übernommen und koordiniert den Aufbau der Studienzentren, die Kommunikation nach außen, die wissenschaftliche Gesamtkoordination inklusive des Aufbaus der Studienzentren und des Monitorings.

Von der Klinik in den Alltag

Der Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) fördert innovative Ansätze für neue Versorgungsformen, die bewährte Projekte wissenschaftlich bewerten und übertragbar machen.

Das Innovationsfonds-Projekt GaDiaKi untersucht, wie zufrieden die Eltern und Jugendlichen mit der derzeitigen Diabetesbehandlung sind, und überprüft, ob es zu einem Unterschied kommt, wenn zusätzlich GaDiaKi angeboten wird, ein seit etwa 20 Jahren durch das Herdecker/Wittener Team um Dr. Dörte Hilgard erprobtes Schulungskonzept unter realen Versorgungsbedingungen.

Die zentrale Idee ist, dass Kinder und Jugendliche nicht isoliert in der Klinik, sondern im Alltag mit anderen Kindern zusammen den Diabetes durch praktische Erfahrungen managen lernen.

Die Schulungen finden in Freizeit-Einrichtungen oder Jugendherbergen statt. Dort üben und lernen die Teilnehmenden:

  • den Umgang mit ihrer Diabetes-Selbstversorgung bei Bewegung, Sport und Ernährung,
  • Autonomie und Selbstorganisation,
  • die Handlungsfähigkeit in verschiedensten Lebenssituationen, auch bei technischen Problemen,
  • die Integration des Diabetes-Managements in Alltagssituationen, z. B. Schule und Freizeit,
  • Stärkung des Selbstbewusstseins mit Diabetes und der Fähigkeit, Hilfe anzunehmen.

Bewertung und Zielsetzung

Untersucht wird nun, ob GaDiaKi deutschlandweit übertragbar ist, welchen Einfluss GaDiaKi auf die Therapie-Zufriedenheit und Unterzuckerungsängste der Eltern und Jugendlichen hat, das Verhältnis der Kosten zum gesundheitlichen Nutzen.

Ziel ist, die Wirksamkeit der jeweiligen Schulungsformen zu untersuchen und sie ggf. in die Regelversorgung für Kinder und Jugendliche mit Diabetes zu übernehmen.

Interessierte für die Teilnahme bei der GaDiaKi-Studie gesucht

  • 720 Familien mit Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes, die an dieser Studie teilnehmen wollen
  • 80 – 120 Mentoren/Mentorinnen als Schulungsassistenten und -assistentinnen
  • Diabetesberater und -beraterinnen sowie Ärzte und Ärztinnen für Schulungseinrichtungen, die noch personelle Unterstützung benötigen
  • insgesamt 40 kinderdiabetologische Schulungseinrichtungen

Bei Interesse bitte melden unter: www.uni-wh.de/gadiaki


von Prof. Dr. med. Reinhard W. Holl, Dr. med. Dörte Hilgard und Dr. Bettina Berger

Avatar von reinhard-w-holl

Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (4) Seite 40-41

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Wenn Zahlen und Daten stressen: Diabetes zwischen Vorgaben und Lebensqualität
Die Diabetologie gilt als Daten-getrieben und ist voll von Abkürzungen und Zahlen, die eine Einschätzung der eigenen Glukose-Situation erlauben. Diese Zahlen und Maße geben eine wichtige Orientierung und befähigen Menschen mit Diabetes, selbst ihre Therapie zu beurteilen. Doch was passiert, wenn das eigene Urteil zu hart ausfällt?
Wenn Zahlen und Daten stressen: Diabetes zwischen Vorgaben und Lebensqualität | Foto: Mediaphotos – stock.adobe.com

3 Minuten

Tipps für die Single-Küche: Mit Genuss und Abwechslung Kochen für eine Person
Viele Menschen leben allein, die Gründe dafür sind vielfältig. Häufig fehlt in der Single-Küche die Abwechslung beim Kochen oder es wird überwiegend außer Haus gegessen. Doch wie lässt sich ohne großen Aufwand Variation in den Speiseplan bringen, die auch noch lecker und gesund ist? Dazu gibt es hier hilfreiche Tipps.
Tipps für die Single-Küche: Mit Genuss und Abwechslung Kochen für eine Person | Foto: Vasyl - stock.adobe.com

4 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • diahexe postete ein Update vor 3 Tagen, 13 Stunden

    Hallo, ich habe mal eine Frage. Was macht ihr mit euren “Altgeräten”? Bei mir haben sich diverse Pumpen, BZ Messgerät, Transmitter usw angesammelt. Die Krankenkasse möchte sie nicht zurück, wegwerfen wäre zu schade. Kennt jemand eine Organisation, die diese Geräte annimmt?

  • ckmmueller postete ein Update vor 1 Woche

    Ich habe ein Riesenproblem mit den Sensoren Guardian 4 von Medtronic. Es klappt nicht. Transmitter neu, aber auch das hilft nicht. Fast jeder Sensor braucht 2 Stunden, normale Wartezeit, dann beginnt er zu aktualisieren …. Nix passiert, außer das mein BZ unkontrolliert ansteigt. Vorletzte Woche über 400, letzte Woche hatte ich BZ 510 – ein Wert, den ich über 25 Jahre nicht mehr hatte. Ich bin sehr verzweifelt, weil es mit CGM von Medtronic nicht funktioniert. Gerade warte ich mal wieder darauf, dass der neue Sensor arbeitet. Heute habe ich mich über ChatGPT über andere Pumpen und Sensoren informiert. Tandem und Dexcom 7 soll gut sein und die Wartezeit des Sensors braucht nur 30 minuten. Kennt sich jemand damit aus? Hat ähnliche Probleme mit Medtronic wie ich? Dank für Antworten / Infos

    • Hallo, ich habe ein ähnliches Problem gehabt. Samstags neuen Sensor gesetzt, hat nach 2 Stunden aktualisiert, lief dann ein paar Stunden, wieder aktualisiert und dann aufgefordert den Sensor zu wechseln. Bis Montag hatte ich dann 4!Sensoren verbraucht. Habe dann einen neuen Transmitter geben lassen und eine völlig neue Einstichstelle gewählt. Danach ging es. Mein neustes Problem ist, dass sich meine Pumpe und mein Smartphone dauernd entkoppelt und sich dann stundenlang nicht mehr koppeln lassen. Manchmal muss ich dann die App neu laden bis es wieder funktioniert.

  • anseaticids postete ein Update vor 2 Wochen, 1 Tag

    Wenn eine Diabetesdiagnose in eine Familie kommt, steht oft erst einmal alles Kopf.

    Besonders für Kinder bedeutet sie eine enorme Veränderung und für Eltern die tägliche Sorge: „Wird mein Kind in der Kita oder Schule gut begleitet? Ist es sicher? Kann es trotz Diabetes unbeschwert Kind sein?“

    Genau aus diesen Fragen heraus ist Hanseatic Kids entstanden: ein Herzensprojekt, das Kindern mit Diabetes im Alltag Sicherheit gibt und Familien entlastet.

    Wir möchten dafür sorgen, dass kein Kind aufgrund seines Diabetes auf Ausflüge, Spielzeiten oder Schulaktivitäten verzichten muss. Unsere Begleiterinnen und Begleiter sind speziell geschult und unterstützen
    individuell: beim Blutzuckermanagement, in Notfallsituationen, im Unterricht oder auf dem Pausenhof.

    So können Kinder lernen, wachsen und
    selbstständig werden und Eltern wissen, dass ihr Kind gut aufgehoben ist.
    Unsere Mission ist einfach:

    ✔ Kindern Sicherheit geben
    ✔ Familien den Alltag erleichtern
    ✔ Kita- und Schulteams entlasten
    ✔ und vor allem: jedes Kind dabei unterstützen, frei und unbeschwert aufzuwachsen, trotz Diabetes.

    Gerade in den ersten Wochen nach der Diagnose oder wenn Unsicherheiten bestehen, sind wir an der Seite der Familien. Gemeinsam mit Eltern, Lehrkräften und Fachpersonal schaffen wir ein Umfeld, in dem Kinder sich wohlfühlen und ohne Angst lernen können.

    Dieses Projekt ist für uns mehr als Arbeit, es ist eine Herzensangelegenheit. Jedes Kind hat das Recht auf Teilhabe, Freude und Freiheit. Wir möchten dazu beitragen, dass dies Wirklichkeit wird.

    Wer mehr über unsere Arbeit erfahren oder Unterstützung anfragen möchte, kann sich jederzeit melden:
    📧 moin@hanseatic-kids.de
    📞 040 851 59 747

    Uploaded ImageUploaded Image
Verbände