- Leben mit Diabetes
Annika Ziercke im Interview: Keine Angst, sich mit Typ-2-Diabetes öffentlich zu zeigen
13 Minuten
Viele Menschen mit Typ-2-Diabetes trauen sich aus Angst vor Vorurteilen nicht, sich öffentlich zu zeigen – nicht so Annika Ziercke, wie sie im Interview erzählt. Sie spricht offen über ihren Alltag mit Typ-2-Diabetes, kämpft gegen Stigmatisierung und macht anderen Mut.
Im Interview: Annika Ziercke
Kurz nach ihrer Diagnose sucht Annika bereits über Instagram als @onyva_13 Austausch in der Diabetes-Community. Denn die Selbsthilfegruppe vor Ort besteht vor allem aus deutlich älteren Menschen. Zunächst ist sie allerdings ein wenig enttäuscht. Online gibt es zwar viele Menschen mit Typ-1-Diabetes, aber nur wenige mit Typ 2 zeigen sich öffentlich. So wird Annika selbst das, was sie gesucht hatte: eine Mutmacherin. Sie teilt ihren Diabetes-Alltag mit allen Höhen und Tiefen und beantwortet Fragen, die sie selbst beschäftigten. Auch abseits von Social Media setzt Annika sich ein, ob in der Selbsthilfe oder als Speakerin bei Veranstaltungen. Für sie ist klar: „Jedes leben mit Diabetes, egal welcher Typ, ist lebenswert.“

Aufklären gegen Stigmatisierung
Stigmatisierung ist eines ihrer zentralen Themen. Annika begegnen immer wieder Vorurteile aufgrund ihres Gewichts oder Typ-2-Diabetes. Darin sieht sie auch den Grund, warum viele Betroffene sich nicht zeigen. Sie ist überzeugt, dass es mehr Offenheit und Aufklärung braucht. „Ich glaube, dass durch Unwissenheit viel Stigmatisierung passiert“, sagt sie.
Jeder Weg ist einzigartig
Annika hat lange gebraucht, einen Weg mit ihrem Diabetes zu finden, mit dem sie zufrieden ist, obwohl die Erkrankung in ihrer Familie bekannt ist. Ihr ist wichtig zu zeigen: Der Diabetes definiert sie nicht und es gibt nicht nur einen Weg damit umzugehen. Deshalb wünscht sie sich vor allem mehr individuelle Unterstützung nach der Diagnose: „Das kritisiere ich heute noch am System, dass der Mensch ab Diagnose allein gelassen wird.“ Doch Annika gibt die Hoffnung nicht auf: „Beim Diabetes-Engagement weiß ich, wofür ich kämpfe.“
Diabetes-Anker (DA): Annika, auf Instagram hast du den Namen „@onyva_13“ gewählt, also „Los geht’s“ auf Französisch. Was hat dich dazu inspiriert?
Annika Ziercke: Ich habe damals einen Weg gesucht, mit meiner Typ-2-Diabetes-Diagnose umzugehen. Für mich war klar, dass ich eine Art Blog machen wollte. Ich habe einen Titel gesucht, mit dem ich nicht sofort meinen Namen preisgebe, weil ich keine Ahnung hatte, in welche Richtung das Ganze gehen wird. Deswegen habe ich dieses französische „on y va“, also „Auf geht’s“ gewählt: Auf geht‘s in ein neues Zeitalter, ich habe jetzt die Diagnose und mal schauen, wohin der Weg führt. Ich fühle mich im Französischen eher zu Hause als im Englischen. Wir sind viel in Südfrankreich im Urlaub und dort ist dieses „on y va“ Sprachgebrauch.
DA: Was waren die Beweggründe für die Gründung Deines Instagram-Accounts?
Annika Ziercke: Ich habe die Diagnose im November 2018 bekommen. Ich wohne sehr ländlich und es gibt vor Ort kaum Möglichkeiten sich zu verknüpfen. Ich dachte, es muss ja noch andere Menschen mit Typ-2-Diabetes geben, die jünger sind und ich wollte wissen, wie die damit umgehen, welche Erfahrungen die gemacht haben. Da es eine chronische Krankheit ist, wusste ich, dass ich mein Leben lang damit klarkommen muss. Daher war mir dieser Austausch immer wichtig.
Da ich das vor Ort nicht finden konnte, habe ich den virtuellen Austausch gesucht. Ich war aber ein bisschen enttäuscht, weil es bei Instagram zwar ganz viele tolle Menschen mit Diabetes gibt, aber leider gar nicht so viele mit Typ- 2-Diabetes. In der großen Blase sind eher Menschen mit Typ-1-Diabetes und heute, fast acht Jahre später, kämpfen wir immer noch damit, dass die Typ-2er sich nicht zeigen und die Minderheit auf Social Media sind. In der Gesellschaft ist es genau andersherum.
DA: Was denkst Du, woran das liegt?
Annika Ziercke: Ich glaube, es liegt an ganz viel Scham. Die Leute haben Angst, darüber zu sprechen, weil Typ-2-Diabetes immer noch in diese Schublade gesteckt wird, dass das keiner wissen darf. Ich glaube, das wird ganz viel befeuert von dem Glauben: Du bist selbst schuld, dass du diese Krankheit hast. Gerade bei der Verbindung von Übergewicht und Typ-2-Diabetes, wie bei mir, heißt es oft, du bist selbst schuld, hast keinen Sport gemacht, hast dich falsch ernährt, also bitte beschwer dich jetzt nicht, dass du diese Krankheiten hast. Das ist ein sehr großes Vorurteil in der Gesellschaft.
Ich glaube schon, dass sich deswegen ganz viele nicht trauen, darüber zu sprechen oder dass es immer hinter der vorgehaltenen Hand läuft. Ich erlebe es auf den Diabetes-Events, dass die Leute zu mir sagen: „Ich bin auch Typ 2 und ich bin so froh, endlich mal mit jemandem darüber sprechen zu können.“ Das zeigt mir einfach, dass die Leute sich nicht trauen, in ihrem persönlichen Umfeld mit Freunden oder Familie darüber zu sprechen. Sie denken, sie müssten allein klarkommen. Das ist es genau nicht. Es ist eine chronische Krankheit, ich behalte sie mein Leben lang und von daher gehört sie zu mir und meinem Leben und darf auch Platz in Freundschaften und in der Familie haben.
DA: Begegnet Dir diese Stigmatisierung online auch?
Annika Ziercke: Online weniger, Stigmatisierung erlebe ich eher im Alltag, zum Beispiel bei Arzt-Terminen, da aber vor allem in Richtung Übergewicht. Das klassische Beispiel ist, du gehst zum Arzt, hast eine Erkältung oder Rückenschmerzen und es heißt sofort: „Ja, aber nehmen Sie doch erstmal ab.“ Gerade beim Diabetes hört man auch oft: „Machen Sie ein bisschen mehr Sport, achten Sie auf die Ernährung und dann läuft der Diabetes auch besser.“ Das Verständnis fehlt, dass es nicht nur die großen Treiber gibt. Natürlich sind Bewegung und Ernährung ein ganz großer Baustein, aber die machen nicht alles aus. Ich habe zum Beispiel festgestellt, dass bei mir Stress ein enormer Treiber meiner Blutzuckerwerte ist. Da kann ich mich noch so super ernähren und super mit Sportprogrammen sein, meine Werte gehen hoch und ich bekomme sie nicht runter.
Es wird immer kleingeredet: „Komm, stell dich nicht so an. Meine Oma hat das auch, die muss nur Tabletten nehmen.“ Es ist vielen nicht klar, dass Diabetes ganz viel anderes im Leben auch beeinträchtigt, wie die mentale Gesundheit. Es ist ein Dauerthema, wir wissen alle um die Risikofaktoren für Folgeschäden und Langzeitschäden. Das macht was mit einem. Wenn man dann zu hören kriegt, man soll sich nicht so anstellen und einfach Tabletten nehmen, wird mir die eigene Verantwortung abgesprochen. Das ist meine Krankheit, das ist mein Körper und ich darf für mich entscheiden.
„Es gibt nicht nur den einen Weg mit Diabetes umzugehen, sondern jeder von uns ist ein Individuum und jeder verdient ein individuelles Diabetes-Management.“
DA: Sind das auch Themen, die Du auf Deinem Instagram-Account ansprichst?
Annika Ziercke: Bei meinem Instagram-Account ist mir ganz wichtig, dass es um mein Leben mit Diabetes geht. Es gibt gute Tage und es gibt schlechte Tage. Ich beschönige nichts. Was mir wirklich wichtig ist: Es gibt nicht nur den einen Weg mit Diabetes umzugehen, sondern jeder von uns ist ein Individuum und jeder verdient ein individuelles Diabetes-Management. Ich wünsche mir eine Behandlung, die nicht nur nach Fahrplan geht, sondern dass beim Diabetes-Management geguckt wird, wie die Person lebt, was möglich ist an Sport oder an Lebensstiländerung, dass das nicht verallgemeinert wird.
Am Anfang hatte ich mit Social Media arg zu kämpfen, weil es dort oft hieß, es gäbe nur den einen richtigen Weg mit dem Diabetes umzugehen. Zum Glück ist man im Laufe der Zeit ein bisschen davon abgekommen. Nur weil der Weg bei mir gerade funktioniert, heißt das nicht, dass er bei Mensch B genauso funktioniert. Bei pauschalen Aussagen wie „Haferflocken sind total toll und ihr müsst alle nur Haferflocken essen, dann habt ihr keine Probleme mit Diabetes“, da kriege ich die Krise. Es gab ein paar große Profile, da lief es tatsächlich so. Was mich daran stört ist, dass wir alle unterschiedliche Berufe haben, unterschiedliche Lebenssituationen mit Kindern, mit pflegebedürftigen Angehörigen. Der eine hat Zeit, vier Stunden am Tag Sport zu machen, der andere nicht.
DA: Was braucht es Deiner Meinung nach, um diese Vorurteile aufzuheben?
Annika Ziercke: Es braucht viel mehr Aufklärung, sowohl von der Gesellschaft, als auch vom medizinischen Personal. Ich habe zum Beispiel bei einem Diabetes-Event erlebt, dass einfach pauschal von Diabetes gesprochen wurde und alle Diabetiker müssten abnehmen, alle Menschen mit Diabetes seien selbst schuld. Bis heraus kam, dass es teilweise auch um Typ-1-Diabetes ging, dessen Entstehung nichts mit der Ernährung zu tun hat. Das finde ich schlimm. Wenn sowas von Fachpersonen kommt, ist es kein Wunder, dass das in der normalen Bevölkerung gar nicht erst ankommt.
Es braucht viel mehr Offenheit, viel mehr Aufklärung, ich glaube tatsächlich auch schon bei Kindern. Ich glaube, dass durch Unwissenheit viel Stigmatisierung passiert, durch Fehlinformationen und Sprache. Deswegen war mir zum Beispiel das Projekt „Language Matters“ total wichtig, bei dem wir dieses deutsche Positionspapier rausgebracht haben, zum Thema, was eine angemessene Sprache ist. Reden wir weiter von guten und schlechten Blutzuckerwerten oder aber von hohen und niedrigen Werten, reden wir von einem gut eingestellten Diabetiker oder einem Menschen mit Diabetes, der ein gutes Diabetes-Management hat und sowas. Ich glaube, das macht sehr viel aus.
Es gibt Menschen, für die ist das total egal, ob sie als Diabetiker oder als Mensch mit Diabetes bezeichnet werden, ich kann es aber auch vollkommen nachvollziehen – und so geht es mir auch – wenn das jemanden stört. Ich bin Mensch und irgendwann kommt der Diabetes, aber ich bin nicht nur der Diabetes. Diese Reduzierung auf die Krankheit macht viel mit einem, finde ich.
DA: Wie war die Zeit nach der Diagnose für Dich abgesehen davon, dass Du den Wunsch nach Austausch hattest?
Annika Ziercke: Der Typ-2-Diabetes war bei mir eine Zufallsdiagnose. Ich hatte Keuchhusten, was man bei Erwachsenen eher nicht vermutet. Daher hat die Diagnostik dafür schon über ein Vierteljahr gedauert. Irgendwann wurde ein großes Blutbild gemacht. Dabei wurde festgestellt, dass das HbA1c erhöht ist. Diabetes Typ 2 ist bei mir in der Familie schon immer ein Thema. Allerdings habe ich mich nie damit auseinandergesetzt, was das für mich bedeuten könnte. Ich wusste zum Beispiel nicht um mein hohes genetisches Risiko. Das hat mir aber auch nie ein Arzt gesagt.
Als ich die Diagnose bekommen habe, war die ganz große Frage natürlich, wie es jetzt weitergeht, was das für mich bedeutet. Ich habe zum Glück relativ schnell einen Termin bei der Ernährungsberatung bekommen und hatte eine ganz tolle Ernährungsberaterin. Gleichzeitig konnte ich meine Familie fragen, die mir viele Tipps geben konnte. Behandelt wurde ich mit einem oralen Antidiabetikum, ich bin immer noch ohne Insulin. Dann habe ich angefangen meine Ernährung anzupassen. Ich habe Sachen gemacht, die, glaube ich, jeder so ähnlich auf diesem Weg macht, wie selbst Brot backen, weil es beim Einkaufen gefühlt kein Brot ohne Zucker oder mit Vollkornmehl gibt.
„Heute kann ich den Leuten nur sagen, sucht euch gute Internetseiten raus, lest euch schlau. Ich habe damals viel recherchiert, mir viel angelesen. Es gab viele Augenblicke, in denen ich am System verzweifelt bin.“
Was ich schade am ganzen System finde, ist, dass man allein gelassen wird. Du bekommst die Diagnose, das Rezept für die Tabletten und dann kommt: „Haben Sie noch Fragen?“ Ja, nee, gerade nicht, weil ich vor drei Minuten erfahren habe, dass ich chronisch krank bin. Dann sieht man den Arzt erst in einem Vierteljahr wieder und in diesem Vierteljahr hat man keinen Ansprechpartner.
Heute kann ich den Leuten nur sagen, sucht euch gute Internetseiten raus, lest euch schlau. Ich habe damals viel recherchiert, mir viel angelesen. Es gab viele Augenblicke, in denen ich am System verzweifelt bin. Da ich kein Insulin benötigt habe, habe ich kein Blutzucker-Messgerät bekommen, ich habe auch keinen Sensor bekommen. Ich hatte den einen HbA1c-Wert von der Diagnose-Stellung und ich wusste nicht, ob es besser oder schlechter wird, ob ich etwas falsch oder gut mache. Ich habe mir dann selbst ein Blutzucker-Messgerät besorgt, aber das geht ins Geld, auch weil wir die Teststreifen nicht von der Krankenkasse erstattet bekommen. Gerade am Anfang wäre das aber gut, wenn man so unsicher ist. Das kritisiere ich heute noch am System, dass der Mensch ab Diagnose allein gelassen wird.
DA: Hattest Du auch mal einen Glukosesensor?
Annika Ziercke: Ich habe mir einen Sensor eine Zeit lang als Selbstzahler-Leistung geholt, um meine Werte in den Griff zu kriegen. Ich hatte nachts extreme Blutzucker-Schwankungen, was ich natürlich nicht mitgekriegt habe, denn nachts misst ja keiner blutig. Ich bin morgens aufgewacht und habe mich matschig gefühlt. Bei Frauen muss man immer auf den Zyklus und die Hormone achten, aber das war es in diesem Fall nicht. Der Sensor hat mir da viel weitergeholfen, aber auch beim Ausprobieren von Lebensmitteln.
Deswegen würde ich mir wünschen, dass Leute, wenn sie eine Diagnose bekommen, vielleicht das erste halbe Jahr oder so einen Sensor bekommen. Dann traust du dich auch mal fünf verschiedene Sorten Nudeln auszuprobieren und man kann tatsächlich mal gucken, bei Linsennudeln geht der Glukosewert so hoch, bei Eiweißnudeln so. Das machen die Leute nicht, weil sie die Reaktionen nicht sehen. Ich hatte irgendwann mal eine Erkältung, ich habe fast nichts gegessen und mich gefühlt nur von Tee ernährt. Ich bin erschrocken, wie hoch die Glukosewerte waren, nur von der Entzündung im Körper. Das ist etwas, das ich nur durch den Sensor erlebt habe.
DA: Welche Rolle hat Deine Ernährungsberaterin in dieser Anfangszeit gespielt?
Annika Ziercke: Am Anfang habe ich von ihr die Basics gelernt. Wir haben in etwa sechs Terminen die Sachen nach und nach geändert. Wenn du dir alles verbietest, zum Beispiel ab sofort keine Nudeln und kein Brot mehr isst, kannst du eigentlich nur scheitern. Da hat sie mich sehr geerdet und mir gesagt, dass ich mich austesten soll, zum Beispiel mit verschiedenen Brot-Sorten. Nicht alles, auf dem Vollkorn drauf steht, ist super, zum Beispiel bei diesem fertigen Vollkorn-Toast.
Ich konnte immer Fragen mitbringen und sie war auch zwischendurch per E-Mail erreichbar. Das hat super funktioniert und ich bin dankbar, dass ich am Anfang so eine gute Person an meiner Seite hatte. Ich habe aber leider durch die Community erfahren, dass es nur bei wenigen so ist. Bei vielen haben die Krankenkassen oder die Ärzte eine Ernährungsberatung abgelehnt. Deshalb weiß ich, wie viel Glück ich hatte. Das hat mir zum Start unwahrscheinlich viel gegeben.
DA: Du hast auch mit Kraftsport angefangen nach der Diagnose, richtig?
Annika Ziercke: Ich war ein absoluter Sportmuffel, aber das war im Nachhinein betrachtet ganz klar dem Gewicht geschuldet. Da war zu viel Scham, zum Beispiel fürs Schwimmbad, aber auch das Fitness-Studio. Nach der Diagnose war mir klar, dass es ohne Sport nicht gehen kann. Ich hatte die Möglichkeit ein Kraftsport-Probe-Training zu machen und das hat mir sehr gut gefallen. Das war auch gut für die mentale Seite.
Nach der Diagnose habe ich das sehr exzessiv gemacht, teilweise war ich Vier-, Fünfmal die Woche im Studio. Ich glaube, dass ich damit ganz viel kompensiert habe. Dann kam leider Corona dazwischen. Ich kam motiviert von der Reha wieder, da hast du den ganzen Tag nur Sport gemacht und über das Abnehmen geredet. Dann kommst du nach Hause und darfst nichts, außer Spazierengehen. Den Kraftsport habe ich zuhause beibehalten.
„Nach acht Jahren Diagnose würde ich jetzt sagen, dass ich gerade bei mir selbst angekommen bin. Es ist immer Luft nach oben, dessen bin ich mir vollkommen bewusst. Aber ich bin gerade mit meinem Weg zufrieden.“
DA: Kannst Du Dich besser motivieren dadurch, dass Du zuhause Sport machen kannst?
Annika Ziercke: Ich versuche grundsätzlich mehr Bewegung in meinen Alltag zu bekommen. Das fällt mir im Sommer leichter und im Winter bleibt es eine echte Herausforderung für mich. Da bleibe ich auch mal ein Sportmuffel. Da bin ich Mensch, da gewinnt nicht immer der Sport und das ist für mich okay. An der Stelle habe ich aber manchmal ein schlechtes Gewissen.
DA: Hat sich Dein Umgang mit dem Diabetes über die Jahre verändert und vielleicht auch die Ziele, die Du Dir gesteckt hast?
Annika Ziercke: Am Anfang, als ich die Diagnose bekommen habe, war ich auch sehr hart mir selbst gegenüber.
Im ersten Schockmoment ging es darum, viel Sport zu machen und ich war mit der Ernährung sehr clean. Ich habe aber gemerkt, was ich mir damit selbst für einen Druck mache. Irgendwann war ein Punkt erreicht, an dem ich mich gefragt habe, ob ich die nächsten 30, 40 Jahren so weiterleben will. Es gibt Leute, die können das, die sind damit total glücklich, aber ich war es nicht.
Ich habe ein bisschen Zeit gebraucht, um einen guten Mittelweg zu finden. Zum Beispiel ist es beim Thema Ernährung für mich vollkommen fein, wenn die 80-20-Regel im Alltag funktioniert. Ich mache viel Meal-Prep, also koche viel vor, gerade am Wochenende, weil ich keine Lust habe, jeden Abend in der Küche zu stehen. Dadurch fällt es mir leichter, meine Mahlzeiten unter der Woche zu planen. So komme ich nicht in Versuchung, mir schnell was zwischendurch beim Bäcker zu besorgen.
Nach acht Jahren Diagnose würde ich sagen, dass ich bei mir selbst angekommen bin. Es ist immer Luft nach oben, dessen bin ich mir vollkommen bewusst. Aber ich bin gerade mit meinem Weg zufrieden und das macht für mich ganz viel aus, weil ich gemerkt habe, dass gerade beim Diabetes oder überhaupt bei chronischen Krankheiten, die mentale Gesundheit auch eine große Rolle spielt und stimmen muss.
DA: Du bist noch berufstätig, engagierst Dich in der Selbsthilfe, sprichst bei Veranstaltungen. Wie schaffst Du es, das alles unter einen Hut zu bekommen?
Annika Ziercke: Das schaffe ich, weil mein Mann absolut hinter mir steht, genauso wie meine Familie und mein Freundeskreis. Da kommt viel Verständnis, wenn ich mal sage: Sorry, tut mir leid, ich bin übers Wochenende in Berlin oder Frankfurt etc. Diese Veranstaltungen laufen meist auf einer ehrenamtlichen Schiene. Ich nehme dafür auf der Arbeit Urlaub, bekomme also von meinem Arbeitgeber keine Freistellung. Ich würde gerne noch viel mehr Projekte begleiten, weil wir diese Aufklärungsarbeit benötigen. Aber leider ist auch mein Urlaub begrenzt und ein paar Tage möchte ich auch gerne privat verbringen.
Für mich ist wichtig, dass ich weiß, es geht immer um eine gute Sache, es sind tolle Projekte dabei, zum Beispiel bei der FAZ, wo es um die Gesundheitskonferenz geht, aber auch das DiaNet(t) von diabetesDE, bei dem die Lautsprecher der #SagEsLaut-Kampagne dabei sind. Diese Zeit gibt mir ganz viel. Durch den Diabetes sind für mich tolle Freundschaften entstanden. Deswegen sehe ich das nicht als Arbeit. Ehrenamt war mir schon immer wichtig. Ich war Gruppenleiterin in der Kirche und im Kirchenvorstand. Beim Diabetes-Engagement weiß ich, wofür ich kämpfe und oft sind es Themen, von denen ich selbst betroffen bin. Wenn ich vielleicht nicht mir helfe, aber irgendwem später mal, dann ist das für mich auch okay.
DA: Was hilft Dir abzuschalten, wenn Du zu Hause bist?
Annika Ziercke: Das sind ganz klar mein Garten und meine Freunde. Wenn ich Feierabend habe, ist tatsächlich Feierabend. Wir haben zwar öfter mal abends ein Zoom-Meeting, aber dann gucke ich immer, wo ich zwei Stunden habe, in denen ich mir Zeit für mich nehmen kann. Im Sommer ist es der Garten, aber auch das Schwimmen. Ich lese unwahrscheinlich gerne und wir verreisen gerne.
„Mein Rat ist: Hört auf euch selbst, hört auf das Bauchgefühl, lasst euch nicht verunsichern und ganz wichtig, jedes Leben mit Diabetes, egal welcher Typ, ist lebenswert.“
DA: Was wünschst Du Dir für die Zukunft in Bezug auf den Diabetes?
Annika Ziercke: Der Wunsch ist ganz einfach, dass jeder Mensch mit Diabetes die Diabetes-Versorgung bekommt, die er sich wünscht und die ihm hilft. Ich kenne wenige Leute, die mit ihrem Diabetes-Management total zufrieden sind. Wir haben Fachärzte-Mangel, Medikamenten-Engpässe, immer mehr Apotheken schließen. Von daher wünsche ich uns allen, dass man nicht immer so einen Kampf ausführen muss. Ich kenne es selbst, wenn du dich beim Arzt jedes Mal erklären musst, hast du irgendwann keine Kraft mehr. Das finde ich sehr schade, weil wir viele Hilfsmittel und Medikamente haben, aber der Zugang dazu manchmal echt erschwert wird.
DA: Gibt es etwas, das du anderen Menschen mit Typ-2-Diabetes gerne mitgeben möchtest, die gerade erst diagnostiziert wurden?
Annika Ziercke: Mein Rat ist: Hört auf euch selbst, hört auf das Bauchgefühl, lasst euch nicht verunsichern und ganz wichtig, jedes Leben mit Diabetes, egal welcher Typ, ist lebenswert. Ja, es gibt Einschränkungen, es gib Sachen, auf die wir achten müssen. Wir müssen viel mehr Entscheidungen zu uns selbst treffen als ein gesunder Mensch. Nichtsdestotrotz kann man Träume verwirklichen, man kann verreisen, die Zukunft planen. Das ist mir so wichtig zu sagen, dass das Leben mit der Diabetes-Diagnose nicht vorbei ist. Es wird anders, aber es geht weiter und es liegt in deiner Hand, was du daraus machst. Trotz Diabetes ist man immer noch ein vollkommener Mensch. Man verliert nicht an Wert, man bleibt ein wertvoller Mensch mit Diabetes. Ganz viele sehen sich ein bisschen als Mensch zweiter Klasse, aber das ist man nicht.
DA: Habe ich aus Deiner Sicht noch etwas Wichtiges vergessen?
Annika Ziercke: Gerade bei Typ-2-Diabetes sind Stigmatisierung und Scham wie gesagt immer ein Thema. Gerade erleben wir auch im Bereich des Social Medias eine Gesundheitswelle, losgelöst vom Diabetes, bei der jeder versucht, seine Ernährung zu optimieren. Für jemanden, der die Diagnose neu hat, macht es das aber nicht besser, wenn man auf Social Media verunsichert wird. Deswegen waren uns Events, wie das gemeinsame Kochen bei der Diabetes-Hilfe, immer wichtig. Wir wollen Realität zeigen, um den Leuten die Angst zu nehmen, „unseren“ normalen Alltag aufzeigen.
Ich fände es schön, wenn jemand, der die Diabetes-Diagnose bekommt, eine Broschüre oder einen QR-Code bekommt, wo steht, wie die nächsten 100 Tage in etwa verlaufen werden, damit die Person mental „weich landet“ und ein Stück besser begleitet wird. Nach dem Motto: Herzlich willkommen in der großen Welt des Diabetes. Es folgen die Gefühle Trauer, Wut, Resignation, aber irgendwann auch der Gedanke, dass das Leben weiter geht. Ich glaube, das macht viel mit dem Selbstverständnis und damit, wie man mit dem Diabetes umgeht, ob man ihn als Feind oder als Teil von sich sieht.
DA: Hast Du in der Community auch Antworten auf diese Fragen gefunden oder warst Du letztendlich eher die Person, die die Antworten darauf gegeben hat?
Annika Ziercke: Als ich gestartet bin, 2018/2019 war das eher so, dass ich die Antworten in der Community nicht gefunden habe. Das Schlimme ist auch dieses Ärzte-Ping-Pong. Da geht man mit einer Frage zum Diabetologen, der sagt, gehen sie damit zum Gynäkologen, der wiederum sagt, man soll das mit seinem Diabetologen besprechen. Da habe ich gelernt, für mich einzustehen. Du darfst dich nicht unterkriegen lassen im deutschen Gesundheitssystem. Du musst sie ein Stück weit nerven mit deinen Fragen, weil du nur dann Antworten bekommst. Ich muss aber auch sagen, dass ich Glück habe mit meinen Ärzten, da kann ich alles offen ansprechen. Aber wir bekommen aus der Community oft die Rückmeldung, dass die Leute Angst haben vor Arzt-Terminen, weil sie runtergemacht und kritisiert werden, statt dass mit ihnen auf Augenhöhe geredet wird. Aber ich habe immer noch Hoffnung. Es kann einfach ganz vieles besser werden.
DA: Vielen Dank, Annika.
von Janina Seiffert
Janina Seiffert ist Journalistin bei der MedTriX Group. Sie ist tätig als Redakteurin beim Diabetes-Anker und betreut zudem das Fachmagazin „Diabetes, Stoffwechsel und Herz“, in dem wissenschaftliche Beiträge, Übersichtsarbeiten zu den Zusammenhängen zwischen Diabetes, endokrinologischen Erkrankungen und kardiovaskulären Risiken erscheinen.
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stephanie-haack postete ein Update vor 5 Tagen, 10 Stunden
Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂
Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/
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tako111 postete ein Update vor 5 Tagen, 11 Stunden
Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.
Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.
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katrin-kraatz antwortete vor 5 Tagen, 9 Stunden
Für die Augenproblematik konnte bisher keine Kausalität gezeigt werden. Hier sind weitere Studien zu erwarten, deren Ergebnisse abzuwarten sind. Außerdem ist es ein sehr seltenes Ereignis. Details sind zum Beispiel zu finden im Deutschen Ärzteblatt unter https://www.aerzteblatt.de/themen/augenheilkunde/therapie-mit-glp-1-rezeptor-agonisten-okulaere-komplikationen-sind-selten-aber-visusbedrohend-e345aa92-a4f7-4f40-8146-b2967b577504.
Wir bemühen uns, mit unseren Beiträgen ausgewogen über die Ausgaben des Diabetes-Ankers hinweg alle Menschen mit Diabetes zu informieren – mal mehr über den einen, mal mehr über den anderen Typ und auch weitere Diabetestypen. Medikamente finden ebenfalls über die Ausgaben hinweg ausgewogen ihren Raum im Heft.
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moira postete ein Update vor 2 Wochen, 1 Tag
Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?
