Laubers Kolumne: Kann sich Prävention rechnen?

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Laubers Kolumne: Kann sich Prävention rechnen?

Der Chef einer Klinikkette will wagen, was noch keinem geglückt ist: Mit Prävention Geld verdienen. Interessante Gedanken, die erstaunliche Parallelen zu Aussagen in meinem Buch „Zucker zähmen“ haben

Zu den wichtigsten Playern im Gesundheitsgeschäft gehört Bernard große Broermann. Der Milliardär ist Herr des zweitgrößten privaten Klinikbetreibers Asklepios, und er beteiligt sich derzeit verstärkt an medizinischen Versorgungszentren sowie Arztpraxen. Kritiker werfen dem bald Mitte 70-jährigen ausbeuterische Methoden vor. Das kann ich nicht einschätzen. Aber ich finde bemerkenswert, was er kürzlich in einem großen Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS)“ zur Prävention sagte.

Originalton Broermann in der FAS: „Wir setzen darauf, unseren Patienten zukünftig einen Mehrwert zu bieten durch Angebote zur Prävention, also zur Gesunderhaltung. Jede vermiedene Krankheit ist tausendmal besser als eine Krankheit, die sie behandeln müssen. Damit hat zwar in Deutschland noch niemand Geld verdient, aber ich glaube trotzdem daran“.

Ein guter Satz, allein mir fehlt der Glaube, dass es funktioniert, weil ich in meinen 15 Umgang mit unseren medizinischen Strukturen gemerkt habe, dass die Prävention nicht wirklich gewollt ist. Warum das so ist, auch darauf kommt Broermann in dem Interview zu sprechen:


»Unser System fokussiert auf Krankheit, nicht auf Gesundheit«
Bernard große Broermann


„Mit unserem Vergütungssystem für die Krankenhäuser sind die Probleme nicht lösbar. Es fokussiert auf Krankheit, nicht auf Gesundheit. Es basiert auf der Abrechnung von Einzelfällen, das macht die Bürokratie in den Kliniken unerträglich. Kurzum das System ist falsch. Wir sollten es umstellen. Besser wäre eine Monatspauschale je Patient. Der Klinikbetreiber bekommt diese Pauschale unabhängig, wie viel er am Patienten leistet. Hauptsache die Leute werden gut versorgt. Da gibt es keinen Anreiz für unnötige Mehrleistungen, weil das Geld kostet. Auch der Aufwand für die Abrechnungen fällt weg. Der dritte Vorteil: Das Modell gibt jedem den Anreiz, die Menschen gesund zu erhalten“.

Das klingt natürlich zu schön, um wahr zu sein, und es ist in der Praxis sicher nicht so leicht umzusetzen. Aber mir gefallen die beiden Grundansätze: Wir brauchen ein Gesundheits- statt einem Krankheitssystem und bezahlt wird im wesentlichen nur, wenn die Menschen gesund gemacht werden.


»Wir brauchen einen grundsätzlichen Systemwechsel«
Prof. Rüdiger Landgraf


Ein sehr interessanter Ansatz, den vor einigen Jahren schon einmal der Münchner Diabetologe Prof. Rüdiger Landgraf für mein Buch „Zucker zähmen“ skizzierte: „Wir brauchen einen grundsätzlichen Systemwechsel. Die Ärzte müssten vor allem dafür bezahlt werden, die Menschen gesund zu erhalten. Heute ´lohnt` es sich trauriger weise eher, die Patienten als ´Kranke` zu behandeln. Wir haben eben prinzipiell ein Krankheits- und kein Gesundheitssystem“. Und weiter sagt Prof. Landgraf:

Prävention hat keine Lobby, weil sie nur langfristig wirkt. Politik und Krankenkassen denken aber kurzfristig, schieben die soziale Verantwortung dem Einzelnen zu. Die Kassen geben lediglich eine verschwindend kleine Summe für Prävention aus. Sie beschränken sich darauf, aus dem vorhandenen Topf möglichst viel für reparative Medizin und Kunden-Marketing herauszuholen“.

Wie das „Herausholen“ in der Praxis funktioniert, erläutert ebenfalls in „Zucker zähmen“ der Münchner Ernährungsmediziner Prof. Hans Hauner, der meine Frage, warum Ärzte so schnell zum Rezeptblock greifen, so beantwortete: „Das liegt an unseren Vergütungsstrukturen. Für die Einleitung einer Insulintherapie wird der Arzt vergütet. Für die Erziehung zur Änderung des Lebensstils erhält er kein Honorar“.


»Für die Lebensstiländerung gibt es kein Honorar«
Prof. Hans Hauner


Wenn ich die Aussagen von Broermann, Hauner und Landgraf zusammen fasse, kommt heraus: Prävention wird erst funktionieren, wenn sie genau so gut bezahlt wird, wie das Schreiben von Rezepten.

Wobei dieses falsche System eine lange Tradition hat. Denn schon vor 100 Jahren schrieb in seiner Meisternovelle „Ein Landarzt“ Franz Kafka: „Rezepte schreiben ist leicht, aber im übrigen sich mit den Leuten verständigen, ist schwer“.

So wie es aussieht, wird der Satz auch in 100 Jahren noch gültig sein.


von Hans Lauber

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  • Hallo,
    das neueste update für iOS ist inzwischen das 26.4.2. ich nutze den Dexcom g7 und die Freigabe von Dexcom ist derzeit bei 26.3.1.
    Wer sein Smartohone für online banking nutzt, muss bestätigen, dass updates regelmäßig gemacht werden. Ich finde es eine Zumutung, dass die Technik von Dexcom uns da immer so hinhält. Gibt es eine offizielle Stelle, die da mal intervenieren kann?

  • uho1 postete ein Update vor 1 Woche

    Hat jemand bereits Erfahrungen mit der Medtrum Pumpe und dem dazugehörigen Sensor?

  • diahexe postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen

    Hallo, ich habe mal eine Frage. Was macht ihr mit euren “Altgeräten”? Bei mir haben sich diverse Pumpen, BZ Messgerät, Transmitter usw angesammelt. Die Krankenkasse möchte sie nicht zurück, wegwerfen wäre zu schade. Kennt jemand eine Organisation, die diese Geräte annimmt?

    • Liebe diahexe,
      Du könntest dazu mal bei „Insulin zum Leben“ nachfragen. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der vornehmlich Insulin, das hierzulande nicht mehr benötigt oder verwendet wird, in Weltregionen schickt, in denen großer Bedarf dafür herrscht. Soweit mir bekannt ist, nehmen die auch viele Diabetes-Hilfsmittel an. Hier findest Du die Website: https://www.insulin-zum-leben.de/
      Viele Grüße
      Gregor aus der Diabetes-Anker-Redaktion

    • @gregor-hess: Vielen lieben Dank. Ich hatte schon beim Roten Kreuz nachgefragt, die wollten allerdings die BZ Messgeräte nicht, angeblich wären sie zu alt (5 Jahre), obwohl es die Geräte genauso noch gibt und sie einwandfrei funktionieren.

    • @gregor-hess: das ist ein sehr guter Hinweis. Ich war schon persönlich bei der Gründerin des Vereins und habe Insulin abgegeben. Diese Frau macht wirklich einen tollen Job und bringt das Insulin regelmäßig nach Afrika. Sie nimmt Insulin, Pens, Pennadeln, Lanzetten, Blutzuckerteststreifen usw…

      Kann es nur empfehlen!!!

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