- Leben mit Diabetes
Laubers Kolumne: Macht Prävention krank?
7 Minuten
Ausgerechnet der Chef der Berliner Charité behauptet, dass sich Vorsorge nicht lohnt, da sie nur Platz für neue Krankheiten schafft. Stimmt diese provokante Aussage? Unser Kolumnist Hans Lauber hat dazu Ärzte befragt.
Rumms, das sitzt! Der Neurologe Max Einhäupl leitete über zehn Jahre lang die größte deutsche Klinik mit 18 000 Beschäftigten – und zertrümmert jetzt zum Abschied in einem Interview einen Grundpfeiler der medizinischen Versorgung: Nämlich Prävention ist gut. Das war auch die letzten 20 Jahre mein Credo, als ich in vielen Publikationen und Vorträgen erläuterte, wie sich etwa der Lifestyle-(Typ2) Diabetes durch einen vernünftigen Lebenswandel besiegen lässt. Eine Ansicht, für die ich auch von vielen Ärzten engagiert unterstützt wurde – und der Düsseldorfer Diabetologe Prof. Stephan Martin lobte meinen Ansatz sogar als den „Königsweg der Diabetes-Therapie“.
Und das soll nun alles nicht mehr gewesen sein? Jedenfalls nicht nach Ansicht des 72-jährigen Professors, der in der Sonntags-FAZ vom 25. August ganz locker behauptet: „Jetzt rufen alle nach Prävention. Aber klar ist doch: Wenn sie durch Prävention eine Krankheit verhindern, dann machen sie damit nur Platz für eine andere Krankheit, die später kommt und die Kasse dann genau so viel Geld kosten wird. Das ist super, doch es spart nichts“.
Stimmt das? Also in meinem Fall schon mal sicher einmal nicht. Bei mir wurde 1999 ein manifester Typ-2-Diabetes diagnostiziert, mir wurden Medikamente verschrieben, die ich aber bald nicht mehr brauchte, weil ich meinen Lebensstil radikal verändert habe: Gesund gegessen, abgenommen, bewegt – und seit 20 Jahren habe ich die Stoffwechselstörung ohne Pillen im Griff, habe beste Werte. Die Prävention hat sich also bezahlt gemacht – und das doppelt: Denn hätte ich so schludrig weiter gelebt wie damals, wären sicher kostspielige Krankheiten gekommen, allein schon als Folge des permanenten Übergewichts. Die Prävention hat also Krankheiten verhindert – und nicht neue geschaffen, wie vom Professor behauptet.
Was für mich gilt, gilt natürlich auch für unendlich viel andere Menschen, denen die Prävention ein glücklicheres und längeres Leben schenkt. Sicher kein Ewiges, denn wie sagte schon der legendäre britische Ökonom John Maynard Keynes: „In the long run we all are dead“. Ganz überrascht haben mich die provokanten Äußerungen des gebürtigen Münchners allerdings nicht. Denn die Prävention hatte es in der primär auf Reparatur von Schäden ausgerichteten Medizin schon immer schwer. Zwei Einschätzungen aus meinem Buch „Zucker zähmen“ belegen diesen Standpunkt:
„Prävention hat keine Lobby, weil sie nur langfristig wirkt. Politik und Krankenkassen denken aber kurzfristig, schieben die Verantwortung dem Einzelnen zu. Die Kassen geben eine verschwindend kleine Summe für Prävention aus“, so Prof. Rüdiger Landgraf von der Deutschen DiabetesStiftung. Auch der führende Ernährungsmediziner Prof. Hans Hauner sieht in den falschen Anreizsystemen der Kassen einen wesentlichen Grund für das geringe Interesse an der Vorsorge: „Das liegt ganz stark auch an den Vergütungsstrukturen. Für die Einleitung einer Insulin-Therapie wird der Arzt vergütet. Für die Erziehung zur Änderung des Lebensstils erhält er kein Honorar“.
Gesunde stören Auch ganz praktische Erwägungen lassen Prof. Max Einhäupl so argumentieren. Schließlich leitete er mit der Charité ein Großkrankenhaus – und es ist ihm gelungen, daraus eine funktionierende Einheit zu formen, wobei mich besonders seine Ansichten zu den Fähigkeiten der Ärzte aus der Ex-DDR beeindruckt haben. Aber das ist in der Gesundheitsindustrie eine Randnotiz, bezahlt wurde er dafür, die 3000 Betten profitabel zu füllen – und das geht nun mal am Besten mit Kranken, Gesunde stören da eher.
So nachvollziehbar das alles ist, so traurig finde ich es, wenn ein führender Arzt, dessen Wort als ehemaliger Vorsitzender des Wissenschaftsrats ein besonderes Gewicht hat, jegliche präventive Arbeit so bayerisch-derb vom Tisch wischt. Ich finde das nicht in Ordnung – oder habe ich als alter weißer Mann einen Trend verpasst, bin aus den Diskursstrukturen gefallen?
Die Antwort wissen die Winde und von mir konsultierten Ärzte, deren Statements Sie im Anschluss finden:
Hans Lauber: „Danke!“
Herzlich danken möchte ich den Ärzten, die meiner Bitte gefolgt sind – und meine Kolumne kommentiert haben. Zwei Schlussfolgerungen ziehe ich aus Kommentaren: Prävention hat einen hohen Stellenwert, ist gerade beim Typ-2-Diabetes eine der wichtigsten Therapien. Und: Unser Gesundheitssystem ist leider nicht darauf ausgelegt, Prävention systematisch zu fördern. Im Gegenteil: Gerade Krankenkassen halten wenig von Prävention, weil sie sich nicht „lohnt“. Dass sich das ändert, dafür werde ich in den nächsten Monaten mit Ärzten sprechen – und dann ein Konzept vorlegen.
von Hans Lauber
- E-Mail: aktiv@lauber-methode.de
- Internet: www.lauber-methode.de
Mehr von Hans Lauber lesen:
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Leben mit Diabetes
< 1 minute
- Leben mit Diabetes
3 Minuten
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
-
hexle postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes-Technik vor 2 Tagen
Hallo,
das neueste update für iOS ist inzwischen das 26.4.2. ich nutze den Dexcom g7 und die Freigabe von Dexcom ist derzeit bei 26.3.1.
Wer sein Smartohone für online banking nutzt, muss bestätigen, dass updates regelmäßig gemacht werden. Ich finde es eine Zumutung, dass die Technik von Dexcom uns da immer so hinhält. Gibt es eine offizielle Stelle, die da mal intervenieren kann? -
uho1 postete ein Update vor 1 Woche
Hat jemand bereits Erfahrungen mit der Medtrum Pumpe und dem dazugehörigen Sensor?
-
diahexe postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen
Hallo, ich habe mal eine Frage. Was macht ihr mit euren “Altgeräten”? Bei mir haben sich diverse Pumpen, BZ Messgerät, Transmitter usw angesammelt. Die Krankenkasse möchte sie nicht zurück, wegwerfen wäre zu schade. Kennt jemand eine Organisation, die diese Geräte annimmt?
-
gregor-hess antwortete vor 1 Woche, 4 Tagen
Liebe diahexe,
Du könntest dazu mal bei „Insulin zum Leben“ nachfragen. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der vornehmlich Insulin, das hierzulande nicht mehr benötigt oder verwendet wird, in Weltregionen schickt, in denen großer Bedarf dafür herrscht. Soweit mir bekannt ist, nehmen die auch viele Diabetes-Hilfsmittel an. Hier findest Du die Website: https://www.insulin-zum-leben.de/
Viele Grüße
Gregor aus der Diabetes-Anker-Redaktion -
diahexe antwortete vor 1 Woche, 3 Tagen
@gregor-hess: Vielen lieben Dank. Ich hatte schon beim Roten Kreuz nachgefragt, die wollten allerdings die BZ Messgeräte nicht, angeblich wären sie zu alt (5 Jahre), obwohl es die Geräte genauso noch gibt und sie einwandfrei funktionieren.
-
crismo antwortete vor 2 Tagen, 16 Stunden
@gregor-hess: das ist ein sehr guter Hinweis. Ich war schon persönlich bei der Gründerin des Vereins und habe Insulin abgegeben. Diese Frau macht wirklich einen tollen Job und bringt das Insulin regelmäßig nach Afrika. Sie nimmt Insulin, Pens, Pennadeln, Lanzetten, Blutzuckerteststreifen usw…
Kann es nur empfehlen!!!
-
