DELFIN: Training für den Alltag

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DELFIN: Training für den Alltag

Eltern von Kindern mit Diabetes finden sich häufiger als andere in der Situation wieder, unangenehme Pflichten durchsetzen zu müssen. Das DELFIN-Elterntraining soll sie in ihrem Familienalltag unterstützen.

„Nein, jetzt will ich nicht!“ Jonah, 4 Jahre, soll zum Katheterwechsel kommen. Er spielt gerade mit seinem großen Bruder und will sich diese seltene Gelegenheit auf keinen Fall entgehen lassen. Seine Mutter seufzt. Diese Reaktion kennt sie schon. Wahrscheinlich gibt es jetzt wieder ein langes, zähes Ringen, das in lautem Schreien auf beiden Seiten endet. Sie überlegt verzweifelt, womit sie diesmal effektiv drohen könnte, damit sie den längst fälligen Katheterwechsel hinter sich bringen können.

Vielleicht sollte sie aber auch eine große Belohnung in Aussicht stellen? Oder den Katheterwechsel doch noch um einen Tag verschieben? Diabetestherapie passt selten in den Zeitplan von Kindern. Und wie wir Erwachsenen auch, sind Kinder bemüht, lästige Pflichten – wenn möglich – zu umgehen.

Viel Konfliktpotential

Eltern von Kindern mit Diabetes finden sich noch viel häufiger als andere Eltern in der Situation wieder, unangenehme Pflichten durchsetzen zu müssen. Neben Zähne putzen, Hausaufgaben machen, Zimmer aufräumen usw. sind sie auch gefordert, das Messen des Blutzuckers, Protokollieren der Werte, Wechseln des Katheters, Einpacken der Diabetesutensilien und vieles mehr zu kontrollieren und durchzusetzen. Dadurch erhöht sich automatisch die Anzahl potentieller Konfliktsituationen im Alltag.

Zusätzlich stellt die Diagnose einer chronischen Erkrankung für die meisten Eltern eine große persönliche Belastung dar, deren Ausmaß für Nichtbetroffene oft schwer nachzuvollziehen ist. Dabei geht es nicht in erster Linie um die aufwendige und oft komplizierte Therapie, sondern um den Umgang mit Ängsten, Sorgen und Stress.

Das DELFIN-Elterntraining soll Eltern von Kindern mit Typ-1-Diabetes in ihrem Familienalltag unterstützen. Das Programm basiert auf bewährten Erkenntnissen der Pädagogik und der Familienberatung.

Sechswöchiges Gruppentraining

Im Rahmen eines sechswöchigen Gruppentrainings werden mit den Eltern Strategien zu verschiedenen Themen erarbeitet. Die wöchentlichen Hausaufgaben dienen dazu, diese neuen Strategien praktisch umzusetzen. In der ersten Sitzung wird mit den Gruppenteilnehmern erarbeitet, was wichtig ist, um eine vertrauensvolle Beziehung zu seinen Kindern aufzubauen, also ein tragfähiges Fundament zu schaffen. Wie bei einem Haus muss dieses Fundament stabil sein, um in stürmischen Zeiten standzuhalten.

Gemeinsam verbrachte Zeit und gute Kommunikation sind die zwei wesentlichen Strategien für eine gute Beziehung. Wie Eltern diese effektiv zwischen Beruf, Putzen, Kochen, Waschen und eigenen Bedürfnissen umsetzen können, wird in der ersten Gruppensitzung erarbeitet. Eine Strategie ist z. B. die Edelsteinzeit, bei der ein Elternteil wertvolle Zeit mit einem Kind verbringt.

Dabei bedeutet wertvoll, dass nicht nebenbei Dinge wie Hausaufgaben, Diabetestherapie oder Haushalt abgearbeitet werden, sondern, dass Eltern und Kind füreinander Zeit haben und sich mit Dingen beschäftigen, die das Kind interessieren und die Spaß machen.

DELFIN-Elterntraining im Überblick
  • Sitzung 1: Das Fundament einer vertrauensvollen Beziehung
  • Sitzung 2: Wie Eltern und Kinder ticken
  • Sitzung 3: Kindern sagen, was sie tun oder lassen sollen
  • Sitzung 4: Typische Herausforderungen des Diabetes
  • Sitzung 5: Gewappnet sein
  • Sitzung 6: Individueller Telefonkontakt

Wer tickt wie?

Damit der weitere Aufbau des Hauses gelingt, ist es wichtig zu wissen, wie die verwendeten Baumaterialien eingesetzt werden können. Auch für den Umgang mit unseren Kindern oder mit elterlichen Problemen und Sorgen ist das Wissen um Lern- und Verhaltensregeln unentbehrlich.

Warum verhält sich mein Kind in einer bestimmten Situation so und nicht anders? Was lernt es in dieser Situation für zukünftige Situationen? Wie kann ich Selbständigkeit und Selbstbewusstsein fördern? Warum reagiere ich in bestimmten Situationen so gereizt/verärgert/ängstlich? Solche und ähnliche Fragen werden in der zweiten Gruppensitzung beantwortet.

Forderungen durchsetzen

Schließlich muss bei jedem Hausbau über die Anzahl und Lage der Fenster, Türen, Steckdosen usw. entschieden werden. Genauso entscheiden Eltern, was sie für ihre Kinder als wichtig erachten und was sie im Familienalltag umsetzen möchten. Mal angenommen, Jonahs Mutter hält den Katheterwechsel am geplanten Tag für sehr wichtig. Wie kann sie ihre Forderung durchsetzen? Hierfür werden im DELFIN-Training unterschiedliche Strategien vorgestellt.

Eltern planen dabei ihr „Haus“ selbst. Das heißt, sie entscheiden, welche Dinge für sie nicht verhandelbar sind und welche Maßnahmen zur Durchsetzung für sie in Frage kommen. Alle im Programm vorgestellten Strategien sollen sicherstellen, dass Eltern in Konfliktsituationen ruhig bleiben können und nicht mit körperlicher oder psychischer Gewalt reagieren.

Ein Reetdach? Eine Holzverkleidung? Jedes Haus hat Besonderheiten. In Sitzung 4 geht es um ganz konkrete Herausforderungen durch den Diabetes. Zu mehreren beispielhaften Konfliktthemen wie “Blutzuckerwerte messen und protokollieren” oder “Diabetesutensilien dabeihaben” oder “Geschwisterstreit” wird im Einzelnen erarbeitet, was dazu beitragen kann und wie Eltern effektiv mit solchen Situationen umgehen und ihnen in Zukunft vorbeugen können.


Nächste Seite: Wie mit zukünftigen Herausforderungen umzugehen ist und was zu tun ist, wenn Probleme bestehen bleiben.

Wie mit zukünftigen Herausforderungen umgehen?

Ein Haus soll mehrere Jahrzehnte überstehen und viele Hausherren überlegen schon früh, wie sie mit zukünftigen Herausforderungen umgehen wollen, wann z. B. das Dach erneuert werden muss oder ein neuer Anstrich fällig ist. Gewappnet zu sein, ist auch für Eltern hilfreich. So geht es in der letzten Gruppensitzung vor allem darum, wie Familien mit zukünftigen Herausforderungen umgehen können.

Es wird vermittelt, wie Eltern ihre Kinder dabei unterstützen können, die Diabetestherapie selbständig zu übernehmen, welche Therapiebestandteile in welchem Alter von Kindern alleine zu leisten sind und woran Eltern dies merken können.

Das DELFIN-Programm wendet sich zwar an Eltern von Kindern zwischen zwei und zehn Jahren, gibt in dieser Sitzung aber schon einen Ausblick auf Strategien zum Umgang mit älteren Kindern. Außerdem geht es um die Frage, wie Eltern gut für sich selbst sorgen und auch wertvolle Zeit für sich als Person und als Paar in den Familienalltag integrieren können.

Individueller Telefonkontakt

Der letzte Abschnitt des Programms besteht in einem individuellen Telefonkontakt. Jede Familie kann hier eine Situation aus ihrem persönlichen Familienalltag besprechen. Gemeinsam soll überprüft werden, welche Strategien in der praktischen Umsetzung hilfreich waren oder woran es gelegen hat, dass sie weniger hilfreich waren.

Edelsteinzeit: wertvolle Zeit für Kinder und Eltern

“Edelsteinzeit” ist Zeit, die ein Elternteil alleine mit einem Kind verbringt. Wichtig ist, dass Eltern während dieser Zeit wirklich nur für ihr Kind da sind und nicht nebenbei den Geschirrspüler ausräumen, telefonieren oder am PC arbeiten.

Sie sollten in dieser Zeit mit Ihrem Kind etwas tun, was diesem Freude bereitet (etwas vorlesen, mit ihm spielen, sich unterhalten oder kuscheln). Hausaufgaben oder Diabetestherapie sind in der Regel keine günstigen Inhalte für die Edelsteinzeit. Dise Zeitspanne müssen nicht lang sein. Wichtiger ist, gerade bei kleinen Kindern, dass sie regelmäßig wahrgenommen werden. Auch Geschwisterkinder benötigen Edelsteinzeiten!

Auch Eltern brauchen “Edelsteinzeit”: Überlegen Sie sich zwei konkrete Beispiele, um in der nächsten Woche etwas für Ihr persönliches Wohlbefinden zu tun.

Wenn Probleme bestehen bleiben

Nicht jedes Problem in einer Familie lässt sich durch guten Willen und angemessene Erziehungsstrategien in überschaubarer Zeit beheben. Die Gründe dafür sind vielfältig und können in der Persönlichkeit des Kindes, einer schwierigen Lebenssituation der Familie, starker beruflicher Belastung der Eltern, seelischer oder körperlicher Krankheit eines Familienmitglieds oder anderen unerwarteten Herausforderungen liegen.

Bleiben Probleme bestehen, sollten Eltern frühzeitig Beratung in Anspruch nehmen. Hilfen bieten z. B. Familienberatungsstellen, Psychotherapeuten oder psychologisch ausgebildete Mitglieder von Diabetesteams an.

Fazit

Hat ein Kind Diabetes, erhöht sich automatisch die Anzahl potentieller Konfliktsituationen im Familienalltag, z.B. durch Blutzuckermessungen oder Katheterwechsel. Zusätzlich stellt die Diagnose einer chronischen Erkrankung für die meisten Eltern eine große persönliche Belastung dar. Dabei geht es vor allem um den Umgang mit Ängsten, sorgen und Stress.

Das DELFIN-Elterntraining soll Eltern in ihrem Familienalltag unterstützen. Das Programm basiert auf bewährten Erkenntnissen der Pädagogik und der Familienberatung. In sechs Sitzungen werden neue Strategien erarbeitet. Angesprochen sind Eltern von Kindern zwischen zwei und zehn Jahren.


Autorin:
Dr. Heike Saßmann

Kontakt:
Diplom-Psychologin, Medizinische Hochschule Hannover, E-Mail: sassmann.heike@mh-hannover.de
, www.mh-hannover.de/medpsych.html

Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2014; 7 (1) Seite 10-12

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  • thomas55 postete ein Update vor 5 Tagen

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 5 Tagen, 17 Stunden

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 2 Wochen, 6 Tagen

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

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