- Psyche
Ernährung bei Diabetes: Welches Verhalten ist normal – wann liegt eine Ess-Störung vor?
3 Minuten

Nach der Diagnose eines Diabetes spielen die Themen Ess-Verhalten, Gewicht und Bewegung im Alltag von Betroffenen oft eine große Rolle. Bisherige Routinen bei der Ernährung müssen überdacht und eventuell verändert werden. Was bewegt sich dabei in einem normalen und angemessenen Rahmen, wann könnte eine Ess-Störung dahinterstecken? Dipl.-Psych. Susanne Baulig klärt auf!
Menschen mit Typ-1-Diabetes stehen vor der Herausforderung, Insulingaben an Art, Menge und Zeitpunkt des Essens und die geplante körperliche Aktivität anzupassen. Und vor allem bei Typ-2-Diabetes befindet sich das Körpergewicht nicht nur bei Terminen in der Diabetespraxis, sondern auch im Alltag ständig im Fokus. Einigen Menschen mit Diabetes gelingt es nach einer Weile, neue Ernährungs-Gewohnheiten zu etablieren.
Viele sind jedoch frustriert bei dem Versuch, das eigene Gewicht unter Kontrolle zu halten, indem besonders wenig oder nur sehr ausgewählt (z.B. kohlenhydratarm) gegessen wird. Manchmal entsteht aus einer solchen „Diät“ ein Teufelskreis aus ungünstigen Verhaltensweisen. Für Laien ist es dann schwierig, zu unterscheiden, ob die Beschäftigung mit diesen Themen noch ein für das Diabetes-Management nötiges und angemessenes Ausmaß hat oder ob es darüber hinausgeht und vielleicht eine Ess-Störung vorliegt.
Auf einen Blick: Ess-Störungen bei Diabetes
- Menschen mit Diabetes beschäftigen sich im Rahmen ihrer Erkrankung ausführlicher mit ihrem Ess-Verhalten als Menschen ohne Diabetes. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie grundsätzlich ein gestörtes Ess-Verhalten haben.
- Ess-Anfälle, absichtliches Erbrechen oder eine plötzliche Gewichtsabnahme können ein Hinweis auf eine bestehende Ess-Störung sein.
- Ess-Störungen können bei Menschen mit Diabetes beträchtliche Auswirkungen auf die langfristige körperliche Gesundheit haben und sollten daher immer fachkundig behandelt werden.
Ernährung bei Diabetes: Ess-Anfälle mit „Gegenmaßnahmen“
Zwei mögliche Ess-Störungen, die einiges gemeinsam haben, sind die Bulimie (auch Bulimia nervosa genannt) und die Binge-Eating-Störung. Beide sind gekennzeichnet durch das Auftreten von Ess-Anfällen, bei denen innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit (z.B. eine Stunde) eine große Menge gegessen wird. Beispielsweise drei Teller Nudeln mit Soße, zwei Brote mit Schokocreme, ein Joghurt, eine halbe Tüte Chips, zwei Schokoriegel. Typischerweise wird dabei ein Verlust der Selbstkontrolle empfunden. Das heißt, man sieht keine Möglichkeit mehr, sich selbst zu stoppen und die Menge der aufgenommenen Nahrung zu begrenzen.
Bei der Bulimie werden zusätzlich zu den Ess-Anfällen „Gegenmaßnahmen“ durchgeführt. Damit sind Verhaltensweisen gemeint, die verhindern sollen, dass die übermäßige Kalorien-Aufnahme durch die Ess-Anfälle zu einer Gewichtszunahme führt. Meistens versteht man darunter absichtliches Erbrechen, das Nutzen von Abführmitteln oder das exzessive Treiben von Sport. Ess-Anfälle und Gegenmaßnahmen können langfristig zu schweren körperlichen Folgen führen z.B. im Herz-Kreislauf-System, Knochen-Stoffwechsel oder Hormon-Haushalt.
Große Ess-Mengen können Folgen haben – auch auf die Stoffwechsel-Einstellung
Menschen mit Diabetes sind in besonderer Weise davon betroffen. Zum einen lassen kalorienreiche Ess-Anfälle den Blutzucker besonders stark ansteigen und verringern darüber hinaus die Empfindlichkeit für die Wirkung von Insulin. Zum anderen sind aufgrund des Kontrollverlusts die aufgenommenen Nahrungsmengen, vor allem die Menge der Kohlenhydrate, kaum nachvollziehbar. Dazu kommt, dass das Verhalten rund um die Ess-Anfälle so sehr mit Scham besetzt ist, dass die Patientinnen und Patienten es lieber vermeiden, über die gegessene Menge nachzudenken.
Dadurch wird jedoch verhindert, dass eine für das Essen angemessene Insulinmenge berechnet und gespritzt werden kann. Die Folge sind häufig hohe Blutzuckerwerte. Manchmal wird aber auch zu viel Insulin abgegeben, was Unterzuckerungen (Hypoglykämien) verursacht. Außerdem ist es für Betroffene schwierig, das Zusammenspiel von Gegenmaßnahme und Insulinwirkung gut einzuschätzen. Beispielsweise kann durch selbst herbeigeführtes Erbrechen eine sehr viel kleinere Menge an Kohlenhydraten als vorher berechnet auf noch wirkendes Insulin treffen. Damit steigt das Risiko für sehr niedrige Blutzuckerwerte.
Ernährungsverhalten und Ess-Störungen bei Diabetes
Zum Thema gibt es weitere Informationen sowie Erfahrungsberichte in diesen Beiträgen auf diabetes-anker.de.
Gefährliches Insulin-Purging: Kein Insulin – keine Energie mehr
Bei Typ-1-Diabetes kann noch eine weitere Art der Gegenmaßnahme hinzukommen: das Insulin-Purging. Hier werden die eigentlich notwendigen Insulingaben nach Ess-Anfällen absichtlich stark reduziert oder ganz ausgelassen. Auch ohne das Vorliegen von Ess-Anfällen kann Insulin-Purging als eine eigenständige Ess-Störung bei Typ-1-Diabetes auftreten. Die betroffenen Personen spritzen auch zu regulären Mahlzeiten bewusst zu wenig oder gar kein Insulin.
In beiden Fällen werden die physiologischen Folgen hoher Blutzuckerwerte genutzt, um eine Gewichtszunahme zu verhindern: Die Glukose im Blut wird über die Niere ausgeschieden und steht dem Körper nicht als Energie zur Verfügung. Kurzfristig steigt jedoch durch die sehr hohen Blutzuckerwerte und das fehlende Insulin das Risiko für Ketoazidosen, also starke Übersäuerungen des Körpers. Langfristig wird das Auftreten von Folgeerkrankungen wahrscheinlicher.
Diabetes-Team ansprechen, wenn der Verdacht auf eine Ess-Störung besteht!
Wenn das Thema Essen einen zunehmend großen Teil des Alltags bestimmt und über das hinausgeht, was für den Diabetes notwendig ist, kann das Diabetes-Team eine erste Anlaufstelle sein. Falls sich der Verdacht auf eine Ess-Störung erhärtet, sollte die weitere Abklärung und ggf. anschließende Behandlung immer in die Hände von Psychotherapeutinnen bzw. Psychotherapeuten gelegt werden.
Erste Hilfe in einer psychotherapeutischen Sprechstunde
In einer Psychotherapeutischen Sprechstunde kann eine erste Einschätzung erfolgen, ob eine behandlungsbedürftige psychische Störung (z.B. eine Ess-Störung) vorliegt. Eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut kann außerdem über verschiedene Möglichkeiten der Behandlung aufklären, die ambulant oder – in schwereren Fällen – auch stationär durchgeführt werden kann. Psychotherapeutische Sprechstunden werden z.B. über die Termin-Servicestelle der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung (Tel.: 116 117, oder online: 116117.de) vermittelt.
von Dipl.-Psych. Susanne Baulig
Susanne Baulig ist Psychologische Psychotherapeutin mit der Zusatzqualifikation Psychodiabetologin. Sie war viele Jahre Leiterin des Schwerpunkts Psychodiabetologie an der Poliklinischen Institutsambulanz für Psychotherapie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und führt nun eine psychotherapeutische Praxis in der rheinland-pfälzischen Hauptstadt.
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2025; 73 (4) Seite 50-51
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thomas55 postete ein Update vor 12 Stunden, 58 Minuten
Hallo Philipa,
beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
Viel Erfolg
Thomasphilipa postete ein Update vor 1 Tag, 6 Stunden
Hallo zusammen,
Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 2 Wochen, 1 Tag
Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/Wer ist am Start?
Virtuelles Diabetes-Anker Community-MeetUp im Juli – Diabetes-Anker
Wir freuen uns auf das nächste Community-MeetUp am 15. Juli! 1x im Monat treffen wir uns und tauschen uns rund um das Thema Diabetes aus. Die ganze Community ist herzlich eingeladen. […]




