Bei Diabetes braucht es gute Pflege

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Bei Diabetes braucht es gute Pflege

Der demografische Wandel führt dazu, dass auch Menschen mit Diabetes immer älter werden und möglicherweise durch geistige Einschränkungen oder eine Demenz irgendwann nicht mehr in der Lage sind, ohne fremde Hilfe ihren Diabetes-Alltag zu bewältigen. Zudem hat schon heute etwa jede fünfte Patientin beziehungsweise jeder fünfte Patient im Krankenhaus einen Diabetes mellitus. Hier werden unbedingt Fachkräfte in der Pflege mit Wissen über Diabetes benötigt. Der Landesverband Nordrhein-Westfalen der Selbsthilfe-Organisation Deutsche Diabetes-Hilfe – Menschen mit Diabetes (DDH-M NRW) hat aus diesem Anlass ein Positions-Papier verfasst. Vorgestellt wurde dieses anlässlich des Internationalen Tags der Pflegenden am 12. Mai 2022 im Rahmen einer Online-Presse-Konferenz. Der Verband fordert darin eine strukturiertere diabetologische Fort- und Weiterbildung von Pflegekräften sowie das Schaffen von Anreiz-Systemen.

Aus- und Weiterbildung von Pflege-Fachkräften unzureichend

"Trotz dieser hohen Prävalenz ist die Aus- und Weiterbildung von Pflege-Fachkräften zu Diabetes nicht ausreichend. In der Ausbildung zur Pflege-Fachkraft werden etwa 20 Stunden zum Thema Diabetes unterrichtet, eine verpflichtende Fortbildung zu diesem Thema nach dem Examen gibt es nicht", sagte Claudia Lenden, Gesundheits- und Krankenpflegerin aus Köln. Im Arbeits-Alltag erschweren zudem Zeit-Mangel, organisatorische und strukturelle Probleme in der Zusammenarbeit mit dem ärztlichen Personal sowie anderen Schnittstellen die kompetente Versorgung von Menschen mit Diabetes mellitus Typ 1 oder Typ 2. Patientinnen und Patienten in deutschen Krankenhäusern sind aber auf Pflege-Personal in stationären oder ambulanten Einrichtungen, das zu Diabetes geschult ist, angewiesen.

Aktuell haben nur 17 Prozent der Kliniken in Deutschland eine diabetologische Qualifizierung. Stoffwechsel-Entgleisungen wie Hypo- und Hyperglykämie und Begleit-Erkrankungen erfordern ein flexibles und individuelles Management auf Station. Auch die rasante Weiterentwicklung der medikamentösen Therapie des Diabetes und die technologischen Neuerungen wie Insulin-Pumpen und Glukose-Sensoren erfordern Fachwissen – mit stetigem Bedarf, das Wissen zu aktualisieren. Insgesamt zeigt die Studie, dass sich stationär ein hoher Versorgungs-Bedarf abzeichnet, um die immer älter werdenden Patienten mit Diabetes, die meist weitere Erkrankungen haben, versorgen zu können. Eine unzureichende Versorgung birgt die Gefahr von mehr Komplikationen und eines längeren Aufenthalts im Krankenhaus. Gleichzeitig herrscht in Krankenhäusern und Pflegeheimen ein akuter Personal-Mangel. Bis zum Jahr 2030 werden 300 000 zusätzliche Pflege-Fachkräfte benötigt.

In einer Untersuchung wurde das diabetologische Fachwissen von Pflege-Personal mit einem Fragebogen erhoben. Das Ergebnis: Nur etwa ein Drittel der Befragten konnte korrekte Antworten zum Thema Ernährung bei Diabetes geben und nur 16 Prozent wussten genug zum Thema Anpassung der Insulin-Dosis. Das bestätigen auch Diabetes-Patientinnen und -Patienten, die nach Aufenthalten in Kliniken und Pflege-Einrichtungen häufig davon berichten, dass sich die Pflege-Fachkräfte nicht mit der Stoffwechsel-Krankheit auskennen. "Pflegenden fehlt es oft an differenziertem Fachwissen, zum Beispiel zur Behandlung von Unter- und Überzuckerungen oder zum Umgang mit technischen Geräten wie Insulin-Pumpen", so Lenden.

Angehörige sind der größte Pflege-Dienst

Ähnlich ergeht es älteren Menschen mit Diabetes, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung stetig steigt. Ein Viertel der Betroffenen mit Typ-2-Diabetes gehört der Altersgruppe der über 75-Jährigen an und etwa eine Million ist über 80 Jahre alt. "Deutschlands größten Pflege-Dienst stellen die Angehörigen dar. Sie versorgen häufig ganz allein ihre Partnerinnen und Partner, Eltern usw. in der Häuslichkeit. Wie belastend diese Situation für die Erkrankten und Angehörigen ist, ist nicht vollends bekannt. Einige Angehörige erfahren Unterstützung durch ambulante Pflege-Dienste", sagt Doris Schöning, Mitglied im Fachbeirat der DDH-M NRW. Diese Situation führt häufig zu Konflikten. Denn die Mitarbeitenden des ambulanten Pflege-Diensts verfügen zwar über eine hohe pflegerische Kompetenz, doch meist über ein geringes diabetologisches Wissen. "Angehörige erhalten auf einmal semikorrekte Informationen von den Pflegenden – anders, als Diabetes-Teams sie vermitteln."

In ihrem Positions-Papier forderte die DDH-M NRW im Vorfeld der Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen daher eine strukturierte diabetologische Fort- und Weiterbildung von professionell Pflegenden in allen ambulanten und stationären Einrichtungen der Langzeit- und Akut-Pflege sowie in der Psychiatrie. "Im Bereich der medikamentösen Diabetes-Therapie erleben wir rasante Weiterentwicklungen sowie zahlreiche technologische Neuerungen. Diese erfordern ein hohes Maß an Fachwissen, das stetig aktualisiert werden muss", erklärte auch Norbert Kuster, Landesvorsitzender und Geschäftsführer der DDH-M NRW. Den Pflegenden müsse Zeit und die Möglichkeit gegeben werden, sich fortlaufend zum Thema Diabetes weiterzubilden, waren sich die Referierenden einig. "Damit mehr Menschen sich für entsprechende Weiterbildungs-Maßnahmen entscheiden, müssen außerdem finanzielle Anreize geschaffen werden – sowohl für die Pflegenden selbst als auch für die Einrichtungen."


Ingeborg Fischer-Ghavami
Redaktion Diabetes-Journal
Kirchheim-Verlag
Wilhelm-Theodor-Römheld-Straße 14
55130 Mainz
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  • thomas55 postete ein Update vor 1 Tag, 1 Stunde

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Tag, 19 Stunden

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 2 Wochen, 2 Tagen

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

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