Beschwerliches Gesundheitswesen

2 Minuten

© © GordonGrand - Fotolia.com
Beschwerliches Gesundheitswesen

Besser ärztliche Hausbesuche als Teststreifen? In einem Gastbeitrag beschreibt der freie Journalist Wolfgang Kownatka anhand eines konkreten Fallbeispiels, welche aberwitzigen Auswüchse unser durchreglementiertes Gesundheitswesen hervorbringen kann.

Die Ausgangslage: Eine 87 Jahre alte Dame aus der alten Kaiserstadt Goslar hat, wie es oft im Alter vorkommt, Typ-2-Dia­betes. Durch ihr Alter bedingt, kann sie sich nur eingeschränkt bewegen und ist hierzu auf einen Rollator angewiesen. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung hat sie in die Pflegestufe I eingeschrieben.

Ihr Diabetes zwingt die alte Dame, nennen wir sie Frau Müller, regelmäßig zum Arzt. Um diesen zu erreichen, ist eine Fahrt mit dem Bus erforderlich. Zweimal in der Woche. Die Beschwerlichkeit der wöchentlichen Arztbesuche steht außer Frage, dennoch nimmt sie die Belastung auf sich. Sie möchte sichergehen, dass ihre Blutzuckerwerte – zwar hoch – stabil bleiben und sie sich keine besonderen Sorgen machen muss.

Selbstmessung statt beschwerliche Besuche beim Arzt

Nun hat Frau Müller beim Besuch bei ihren Verwandten über das Problem gesprochen. In der Familie findet sie glücklicherweise eine ausgewiesene Fachfrau zum Thema Diabetes, die ihr ein Blutzuckermessgerät mit den entsprechenden Teststreifen zur Verfügung stellt und sie in die Handhabung einweist. Frau Müller ist begeistert, weil sie sofort erkennt, dass ihr der beschwerliche Weg zum Arzt solange erspart bleibt, wie die Blutzuckerwerte unter der Grenze von 200 mg/dl (11,1 mmol/l) liegen, die der Arzt als akzeptabel bezeichnete.

Nun – so glaubt sie – könne sie sich selbst kontrollieren und wenn die Teststreifen verbraucht sind, würde ihr Arzt ihr schon neue verschreiben.

Kasse: lieber kostenintensive Hausbesuche als günstigere Selbstkontrollen

Hier nun beginnt das Unverständnis. Ihr Arzt erklärt ihr, dass er die Teststreifen nicht verschreiben dürfe, da sie nicht „insulinpflichtig“ sei. Es gebe zwar eine weitreichende Ausnahmeregelung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), aber diese träfe auf sie (noch) nicht zu.

Frau Müller wendet sich an ihre Krankenkasse, die die Aussage des Arztes bestätigt. Auch erklärt sie ihr, dass im Bedarfsfall der Arzt zu ihr ins Haus käme und die Blutzuckermessung dort vornehme. Den Hinweis von Frau Müller, dass diese Prozedur ja die Krankenkasse mehr Geld kosten würde als die Eigenmessung und die Übernahme der Kosten für die Teststreifen, wies die Krankenkassenmitarbeiterin mit der Bemerkung zurück, dass ja jeder auf die Idee kommen könne, sich ein Messgerät zu beschaffen, um sich die Teststreifen zu Lasten der Krankenkasse verschreiben zu lassen.

Alle Beteiligten würden von Frau Müllers Selbstständigkeit profitieren

Das Fazit aus meinem Blickwinkel: So wird sich die alte Dame weiterhin auf den beschwerlichen Weg zum Arzt machen, zweimal wöchentlich, um eine Blutzuckermessung durchführen zu lassen, die sie viel bequemer und weniger belastend zu Hause vornehmen kann. Auch die damit verbundenen Kontrolleintragungen und das regelmäßige Gespräch mit ihren Verwandten zu Ergebnis und Befindlichkeit haben ihren psychologisch nicht zu unterschätzenden Wert von Selbständigkeit im Alter – von der Kostenersparnis für die Versichertengemeinschaft einer Krankenkasse einmal abgesehen.

Und das Argument „Da könnte ja jeder kommen…“ ist als Totschlag-Argument nicht zu akzeptieren – denn der Arzt muss letztlich entscheiden, ob ein Patient selbst Blutzuckermessungen vornehmen kann oder nicht. Und schließlich dürfte er für jeden selbständigen Patienten dankbar sein, der seine ohnehin überlasteten Praxisstunden nicht in Anspruch nehmen muss.


von Wolfgang Kownatka
freiberuflicher Journalist, Marketing- und PR-Berater
E-Mail: w.kownatka@ndh.net

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Druckfrisch: Das sind die Themen im Diabetes-Anker 7/2026
Im Diabetes-Anker-Magazin 7/2026 geht es u.a. um Ursachen von Hyper- und Hypoglykämien und wie zu hohe oder zu niedrige Blutzuckerwerte vermieden bzw. behandelt werden, um weitere Autoimmunkrankheiten, die neben einem Typ-1-Diabetes auftreten können sowie ums Essen unterwegs und auf Reisen.
Druckfrisch: Das sind die Themen im Diabetes-Anker 7/2026 | Foto: Jennifer Sanchez / Medtrix

4 Minuten

Kolumne „Fernweh“: „Mora mora!“
Madagaskar lehrt „Mora mora“: In ihrer Kolumne „Fernweh“ berichtet Susanne vom Besuch in Kinderheim und Schule, von herzlichen Begegnungen. Und davon, wie sie trotz CGM-Ausfällen, Diabetes-Frust und tropischer Hitze wieder Vertrauen in sich findet.
Kolumne „Fernweh“: „Mora mora!“ | Foto: aprint22com – stock.adobe.com

2 Minuten

Community-Beitrag
Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 15 Stunden, 44 Minuten

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

    Wer ist am Start?

    ( 1 von 1 )
    100%
    ( 0 von 1 )
    0%
    ( 0 von 1 )
    0%
  • Hallo zusammen,
    ich möchte im Herbst auf eine Patchpump umsteigen, daher würde mich interessieren, ob jemand mit der Nano touchcare Erfahrungen machen konnte. Lieben Dank für Rückmeldungen im Voraus!

    • Hey, ja ich nutze aktuell das Medtrum Nano System also CGM + Patchpumpe. Zuvor hatte ich das Omnipod Dash (war schon sehr gut) aber das Medtrum System ist eine ganz andere Welt (im positiven) der Automodus läuft und hält die Werte größtenteils stabil. Auch die Auto Bolus Abgabe (nur auswählen Frühstück, mittag, Abendessen oder snack) Damit brauchst du bei bis bis zu 90g Kolenhydrate nicht mehr den Bolusrechner verwenden, kannst du aber bei Bedarf trotzdem jederzeit. Es hat mein Leben verändert, auch dass du wenn du möchtest eine Schnittstelle (smartphone eine App für Cgm+Pumpe) funktioniert einwandfrei. Das einzige wo man aufpassen muss, man sollte den Sensor gelegentlich kalibrieren. Der Dexcom g7 war ohne kalibrieren etwas genauer, aber die Vorteile vom Medtrum überwiegen. Ich kann’s nur empfehlen. Viel Erfolg beim Einstieg! Melde dich gerne falls du noch konkrete Fragen hast. Erfahrung in der Praxis hab icb schon einige Monate hinter mir.

    • @calvin240: Super, dass du geantwortet hast. Ich hatte vor einiger Zeit die gleiche Frage. Auch ich werde diese Pumpe ab Herbst nutzen. Bin aber absoluter Pumpenneuling. Darf ich dich bei Bedarf anschreiben? Viele Grüße aus der schönen Rhön!

    • @uho1: klar kannst du gerne machen. Wenn du Allgemein Pumpenneuling bist (jeder hat andere Anforderungen) aber aus meiner Sicht ist eine Patchpumpe also auch das Medtrum Nano die innovativste Behandlungsmöglichkeit.
      Liebe Grüße

  • stephanie-haack postete ein Update vor 1 Monat

    Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂

    Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/

Verbände