- Soziales und Recht
Diabetes-Technologie im Praxis-Alltag: Der Fluch des Erfolgs
3 Minuten

Moderne Mess-Systeme und immer stärker automatisch arbeitende Insulinpumpen können den Anschein erwecken, dass das Diabetes-Management quasi von allein geschieht. In Wahrheit wird es für Praxen immer komplexer. Diabetes-Verbände fordern daher bessere finanzielle und strukturelle Rahmenbedingungen für eine zukunftsfähige Versorgung.
Natürlich sind die modernen Diabetes-Technologien eine echte Erfolgsgeschichte, anders als so manche Marketing-Storys. Während Start-ups und auch gestandene Tech-Unternehmen gern eierlegende Wollmilchsäue versprechen und dann doch nur kränkelnde Küken mit einem kleinen Extra an Innovation liefern, haben kontinuierliche Glukose-Messung (CGM) und Insulinpumpen vielen Menschen mit Diabetes schon reale Verbesserungen im Alltag gebracht. Die Berichte zum Beispiel von Eltern, die dank einem Glukosesensor nun endlich nicht mehr nachts per Stich in den Finger den Blutzucker ihres Kindes mit Diabetes messen müssen, um sicher vor nächtlichen Unterzuckerungen zu sein, sind tatsächlich so emotional und märchenhaft wie ein Werbespot oder ein Disney-Film.
Moderne Diabetes-Technologie verbessert Therapie und Alltag
Den Erfolg dieser Diabetes-Technologie kann man leicht zusammenfassen: CGM und Insulinpumpe machen den Diabetes-Alltag einfacher und haben gleichzeitig das Potenzial, die Glukosewerte zu verbessern und den Therapie-Erfolg zu erhöhen. Was bei diesem Fazit leicht vergessen werden kann: All das fällt nicht vom Himmel. Diese Produkte sind das Ende einer kontinuierlichen Entwicklung, die in beiden Fällen bereits im letzten Jahrhundert begonnen hat: Erste CGM-Systeme gab es bereits ab 1999 im Markt, Insulinpumpen sogar schon in den 1970ern. Und noch wichtiger: Der Erfolg der Diabetes-Technik basiert auf dem Erfolg der Diabetes-Schulung, die eine ebenso lange Entwicklungs-Geschichte hat. Denn was wie ein Autopilot für Glukosewerte klingt, braucht in Wahrheit immer noch einen kompetenten menschlichen Piloten, der das System kennt und beherrscht.
„Was auf den ersten Blick wie ein selbstlaufendes System wirkt, erfordert in Wahrheit erhebliche zeitliche Ressourcen – für Patientinnen und Patienten, aber auch für die Behandelnden“, erinnert Toralf Schwarz, Vorsitzender des Bundesverbands Niedergelassener Diabetologen (BVND). Zusammen mit anderen Diabetes-Organisationen weist der Verband darauf hin, dass der Einsatz dieser Technologie Fachwissen, strukturierte Abläufe und kontinuierliche Begleitung voraussetzt. Praxen müssen Schulungen anbieten, Glukoseverläufe auswerten und technische Fragen klären – häufig auch über den regulären Termin hinaus. „Dafür fehlt im aktuellen Vergütungssystem jedoch jede Grundlage“, legt Schwarz den Finger in die Wunde.
Aufwand im Überblick:
In ihrem gemeinsamen Statement nennen DDG, BVND, bndb und AGDT (Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Technologie der DDG) konkret den Aufwand, mit dem der Technologie-Erfolg im Praxisalltag erkauft wird.
➤ Gemeinsames Statement von DDG, BVND, bndb und AGDT zur Situation der ambulanten Diabetologie
Unsichtbare Komplexität
Die Erfordernisse der modernen Diabetes-Technologie werden in der Versorgung bislang nur unzureichend finanziell und strukturell berücksichtigt, kritisieren die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe, der BVND und der Berufsverband niedergelassener Diabetolog*innen in Bayern (bndb). Die Betreuung von Menschen mit Diabetes werde mit den neuen Technologien nämlich immer komplexer: Unsichtbar bleiben zum Beispiel die umfangreichen Antragsverfahren und auch der erhebliche Beratungs- und Schulungsaufwand, die mit dem Einsatz dieser Technologie einhergehen.
Für das Praxis-Team bedeutet das auch kontinuierliche Weiterbildung – und deutlich mehr Aufwand: „Die Auswahl geeigneter Systeme, Antragstellungen bei den Krankenkassen, individuelle Schulungen und eine regelmäßige Datenanalyse sind zeitintensiv und anspruchsvoll, besonders zu Beginn der Therapieumstellung“, erläutert bndb-Vorstandsmitglied Dr. Christoph Neumann. Und die diabetologischen Praxen sind zumeist erste Ansprechpartner für die Menschen mit Diabetes in allen Fragen, auch und insbesondere bei Technik-Fragen. Dennoch stehen Praxen, die sich auf diese anspruchsvolle Aufgabe spezialisiert haben, zunehmend unter wirtschaftlichem und personellem Druck.
Schulung für Technik
- Eine technische Einweisung in den Gebrauch von CGM allein ist mit einer hohen Abbruchrate (ca. 30 Prozent) verbunden.
- 2024 wurden die Schulungs- und Behandlungsprogramme Spectrum und INPUT als verwendungsfähig im DMP erklärt.
- Kassenärztliche Vereinigungen wie die in Nordrhein haben die Programme in die DMP-Verträge aufgenommen.
In Vergütungssystemen nicht berücksichtigt
Die Versorgungs-Realität zeigt: Die ambulante Diabetologie ist zunehmend wirtschaftlich gefährdet. Die aktuellen Vergütungssysteme im Rahmen des Disease-Management-Programms (DMP) berücksichtigen weder die Zeitintensität noch die Spezialisierung, die für die Betreuung von Patientinnen und Patienten mit Diabetes-Technologien erforderlich sind, mahnen die Verbände.
„Ohne Anpassung der Rahmenbedingungen werden spezialisierte Praxen nicht mehr in der Lage sein, moderne Technologie dauerhaft anzubieten“, warnt Dr. Jens Kröger, Vorstandsvorsitzender von diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe und Diabetologe aus Hamburg. Schon jetzt würden viele Einrichtungen Schulungen, Technik und Weiterbildung aus eigener Tasche finanzieren. „Diabetes-Technologie rettet keine Leben im Alleingang. Aber gemeinsam mit einer kompetenten ärztlichen Begleitung kann sie Menschen ein selbstbestimmteres Leben ermöglichen“, so Kröger. Damit diese Versorgung auch in Zukunft gesichert ist, müsse die Politik dringend handeln.
Dringender Handlungsbedarf
Die Organisationen fordern mehr politische Unterstützung für die ambulante Diabetologie. Es seien dringende gesundheitspolitische und strukturelle Maßnahmen notwendig. Dazu gehören:
- Anpassung der Vergütungssysteme, um den gestiegenen Aufwand und die Komplexität der Betreuung angemessen widerzuspiegeln,
- Förderprogramme zur Unterstützung der Praxen beim Implementieren moderner Technologien und der Weiterbildung des Fachpersonals,
- Erhöhen der öffentlichen Aufmerksamkeit für die Bedeutung der ambulanten Diabetologie als essenzieller Bestandteil eines funktionierenden Gesundheitssystems.
von Marcus Sefrin
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2025; 73 (8_9) Seite 52
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Soziales und Recht

3 Minuten
- Aktuelles

9 Minuten
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
florahdo postete ein Update vor 4 Tagen, 8 Stunden
Hallo zusammen, ich arbeite gerade an einer Seminararbeit zum Thema „Die Behandlung von Typ-1-Diabetes mit CRISPR/Cas“ (eine Methode der Gentechnik). Dazu habe ich eine Umfrage erstellt und suche dafür Menschen mit Typ-1-Diabetes, die einige Fragen beantworten könnten zu ihrer Einstellung gegenüber dem Einsatz dieser Technologie zur Behandlung von Typ-1-Diabetes. Die Umfrage ist vollständig anonym und dauert etwa 5 Minuten, sie richtet sich ausschließlich an Menschen mit Typ-1-Diabetes. Es würde mir enorm weiterhelfen, wenn sich Teilnehmer finden würden!
Der Link zur Umfrage lautet: https://forms.cloud.microsoft/r/PN2hqhkuLB
Vielen Dank für eure Unterstützung! 🙂
mr postete ein Update vor 6 Tagen, 19 Stunden
Hallo kann mir jemand einen Tipp geben wie ich On Pot Gerichte mit Reis besser schätzen kann.
- katrin-kraatz antwortete vor 1 Tag, 16 Stunden
Hallo mr,
Dein Problem, die Kohlenhydrate wie Reis in einem One-Pot-Gericht richtig einzuschätzen, vor allem wenn es für mehrere Personen gekocht ist oder Du es im Restaurant bestellst, kennen sicher viele – ich auch. Einfacher ist es, wenn Du nur für Dich kochst. Ich wiege tatsächlich, trotz mehr als 50 Jahren Diabetes, in diesem Fall vorher Reis, Nudeln oder was auch immer vorher ab. Dann weiß ich genau, wie viel es ist.
Ansonsten heißt es: Augenmaß! Gut ist, immer wieder mal eine bestimmte Menge Reis abzuwiegen und zu kochen (mache ich so). Dann sieht man die Menge und bekommt ein besseres Gefühl für die Menge beim Schätzen. Natürlich verteilt sich gerade Reis sehr gut zwischen den anderen Zutaten, aber ob es “viel” oder “wenig” ist, kann man meist erkennen.
Sinnvoll finde ich außerdem (und nicht nur ich), gerade bei eher schwierig einzuschätzenden Kohlenhydratmengen die Insulindosis eher zu gering anzusetzen und lieber später höhere Werte zu korrigieren oder – falls ein AID-System im Einsatz ist – dieses seinen Job machen zu lassen. Denn eine Hypo direkt nach dem Essen finde ich deutlich weniger angenehm.
Eine Patentlösung gibt es also nicht. Vielleicht helfen Dir die Tipps trotzdem etwas?
moira postete ein Update vor 6 Tagen, 21 Stunden
Hallo!
Hat schon jemand die liberal Funktion bei der ypsopump app ausprobiert?
Ich wüsste gerne wie gut das klappt.- moira antwortete vor 5 Tagen, 23 Stunden
Ich meinte Liberty



