ePA, eAU, e-Rezept und Co: Was Patienten jetzt wissen sollten

4 Minuten

© HNFOTO - stock.adobe.com
ePA, eAU, e-Rezept und Co: Was Patienten jetzt wissen sollten

Die Telematik-Infrastruktur bringt große digitale Veränderungen ins Gesundheitswesen: ePA, e-Rezept und eAU werden den Alltag in Arztpraxen und Kliniken stark beeinflussen. Doch nicht alle Patienten vertrauen auf die „Daten-Autobahn“. Dr. Meinolf Behrens klärt auf.

Telematik-Infrastruktur – kurz TI – lautet ein etwas sperrig anmutender Begriff, der seit ­Monaten für viel Unruhe in Arztpraxen und Klinik-Ambulanzen sorgt. Einfach beschrieben verbirgt sich dahinter die Daten-Autobahn des Gesundheitswesens. Und genau auf ­dieser hat der Betrieb deutlich zugenommen. Die medizinische Versorgung wird digitaler und ­damit verbunden ergeben sich erhebliche Veränderungen für Patientinnen und Patienten und insbesondere solche mit Diabetes.

Für die meisten unbemerkt

Konstrukteur der Daten-Autobahn ist die gematik. Das Bundesministerium für Gesundheit hält 51 Prozent der Gesellschafter-Anteile, die verbleibenden Anteile verteilen sich auf gesetzliche und private Krankenkassen sowie Ärzte- und Apotheker-Verbände. Ziel der gematik ist die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens.

Die wichtigsten Begriffe rund um die Telematik

  • VSDM: Versicherten-Stammdaten-Management
  • NFDM: Notfalldaten-Management
  • eAU: elektronische Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung
  • e-Rezept: elektronisches Rezept
  • ePA: elektronische Patientenakte
  • eDA-DDG: elektronische Diabetesakte der Deutschen Diabetes Gesellschaft

Die meisten Patienten haben es gar nicht bemerkt – seit mehr als drei Jahren läuft der Verkehr auf der Daten-Autobahn des Gesundheitswesens bereits. Beim Einlesen der Versichertenkarten erfolgt online automatisch ein Abgleich der Daten auf der Versichertenkarte mit den Daten, die bei der Krankenkasse der versicherten Person hinterlegt sind – das Versicherten-Stammdaten-Management (VSDM). Gegebenenfalls werden nicht mehr aktuelle Daten auf der Karte überschrieben und auch gleichzeitig in der Patienten-Datei der Praxis aktualisiert.

Im Notfall alle Daten verfügbar

Koronare Herzkrankheit (KHK) mit Bypass-­Operation, Bluthochdruck, Nierenschwäche, Penicillin-Allergie und ein Insulin-behandelter Typ-2-Diabetes seit 18 Jahren: Die Diagnosen von Günther M. lesen sich wie das Inhaltsverzeichnis eines internistischen Lehrbuchs.

Zudem muss er neun unterschiedliche Medikamente regelmäßig einnehmen. „Braucht ein Notarzt im Fall einer schweren Unterzuckerung oder auch eines Herzinfarkts nicht genau diese wichtigen Informationen?“, blickt der 68-jährige Rentner Günther M. kritisch zurück. Mit Einführung des Notfalldaten-Managements (NFDM) hat sein Diabetologe neben den Kontaktdaten seiner Ehefrau seine chronischen Erkrankungen, seine Medika­tion und seine Penicillin-Allergie auf der Karte hinterlegt. In Notfall-Situationen können so Ärzte oder auch Notfall-Sanitäter auf die Daten zugreifen.

Der „gelbe Schein“ gehört der ­Vergangenheit an

Seit Januar 2022 sind Arztpraxen und Krankenhäuser – Letztere im Rahmen des Entlassungs-­Managements – verpflichtet, Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigungen elektronisch an die Krankenkasse zu übermitteln. Aktuell erhalten Patienten noch einen Papier-Ausdruck zur Vorlage beim Arbeitgeber sowie für die eigenen Unterlagen. Ab dem 1. Juli 2022 gehen zwei Ausführungen der elektronischen Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung (eAU) an die Krankenkasse. Sobald der Arbeitnehmer sich beim Arbeitgeber arbeitsunfähig gemeldet hat, ruft dieser die Krankmeldung elektronisch bei der Krankenkasse ab.

Papierausdrucke bleiben

Als Rentner benötigt Günther M. die eAU nicht mehr. Auf das e-Rezept für verschreibungspflichtige Arzneimittel wartet er allerdings noch. Offiziell eingeführt werden sollte es zum 1. Januar 2022. Leider gibt es auf der Daten-Autobahn noch einige Baustellen, sodass die Einführung kurzfristig verschoben werden musste. Ein verbindlicher Zeitplan stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest, laut Bundesministerium für Gesundheit ist aber eine „schnellstmögliche“ Einführung geplant.

Zum elektronischen Empfang und zur Einlösung benötigt man die e-Rezept-App der gematik. Für Versicherte, die die App nicht nutzen möchten, wird es weiter e-­Rezept-Ausdrucke auf Papier geben – allerdings auf weißem Papier und nicht mehr rosafarbenem. Eine Unterschrift sucht man auf den Ausdrucken vergebens, die Signierung erfolgt digital. Es bleibt bei maximal drei Medikamenten je Rezept. Zu jedem Medikament gibt es einen 2D-Code, der beim Einlösen des Rezepts in der Apotheke gescannt wird. Hilfsmittel und bestimmte Arzneimittel sowie Privatrezepte werden erst später umgestellt.

Die elektronische Patientenakte – mehr als ein digitaler Papp-Ordner

Seit dem 1. Januar 2021 können Versicherte der gesetzlichen Krankenkassen ihre medizinischen Daten in einer elektronischen Patientenakte (ePA) führen. Diese wird von den Krankenkassen als App kostenlos bereitgestellt.

ePA und eDA: So ist die Planung

Die Anmeldung zu den elektronischen Akten und Registern erfolgt in Stufen:

  • Zuerst erfolgt die Anmeldung zur elektronischen Patientenakte (ePA).
  • Danach ist eine Anmeldung zur elektronischen Diabetesakte (eDA) möglich.
  • Im letzten Schritt kann man seine Daten für das Diabetesregister freigeben.

Die Nutzung ist selbstredend freiwillig. Hinterlegt werden können relevante Daten für den Notfall, wie Diagnosen, Allergien, Kontaktdaten sowie ein elektronischer Medika­tions-­Plan, darüber hinaus Arztbriefe sowie Krankenhaus- und sonstige Befund-Berichte. Im Rahmen eines stufenweisen Ausbaus können Daten aus ganz unterschiedlichen Bereichen eingepflegt werden. Die Daten-Hoheit liegt bei den Versicherten. Damit ist die ePA ein wichtiger Beitrag für die Patienten-Souveränität. Vor allem aber ermöglicht die ePA Haus- und Fachärzten sowie Klinikärzten, von den Patientinnen und Patienten freigegebene medizinische Dokumente schnell abzurufen. Das spart im Praxis-Alltag und gerade im Notfall viel Zeit.

Ausführliche Informationen zur ePA gibt die gematik in einem Video

https://youtu.be/tjxOSVngSSA

Günther M. hat bereits alles veranlasst, damit seine ePA befüllt werden kann und die ihn betreuenden Ärztinnen und Ärzte sich einfach relevante medizinische Informationen holen können. Die entsprechende App der Krankenkasse gibt es im Google-Play-Store und im Apple-Store. Für die Registrierung benötigte Günther M. neben seiner E-Mail-Adresse lediglich die Krankenversicherungs-Nummer und eine PIN zur Gesundheitskarte, die er von seiner Krankenkasse erhalten hatte. Leider nimmt auch die ePA langsamer Fahrt auf, als es die Architekten der Daten-Autobahn geplant haben.

Ehrgeizige Ziele

Aber es gibt noch mehr Digitalisierung. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft arbeitet intensiv an der Entwicklung einer elektronischen Diabetesakte, der eDA-DDG. Die eDA-DDG wird eine wichtige Ergänzung zur ePA sein. Sofern der Patient einverstanden ist, können wichtige Diabetes-relevante Befunde (z. B. HbA1c-Wert, Diagnosen, Medikation) aus der ePA nach festen Standards in die Diabetes­akte übernommen werden. Die Daten ermöglichen eine qualifizierte und gezielte Betreuung von Menschen mit Diabetes. Mit Einverständnis des jeweiligen Patienten können die Daten zudem einem Diabetesregister zur Verfügung gestellt werden, das der Forschung und Entwicklung und damit einer optimierten Versorgung von Menschen mit Diabetes dienen soll.

Datenschutz und Informationssicherheit stehen an erster Stelle

Die gematik sichert Versicherten höchsten Datenschutz und maximale Informations-­Sicherheit auf der Daten-Autobahn des Gesundheitswesens zu. Doch nicht alle Versicherten möchten die „neue“ Daten-Autobahn nutzen, bevorzugen aus ganz unterschiedlichen Gründen die für sie etablierten und vertrauten Wege und Straßen der Kom­muni­ka­tion. Man darf gespannt sein, wie Versicherte die digitalen Angebote annehmen werden. Trotz des zweifelsfreien Mehrwerts im Patienten-Alltag gehen Branchen-Experten davon aus, so Dr. Florian Muhß, Geschäftsführer eines führenden Arzt-Informations-Systems, dass beispielsweise der Anteil rein digital eingelöster e-Rezepte für verschreibungspflichtige Medikamente im Jahr 2030 bei nur 10 bis 15 Prozent liegen wird.

Chancen und Möglichkeiten nutzen

Günther M. hat erkannt, welche Chancen und Möglichkeiten sich ihm durch die Daten-Autobahn mit der Telematik-Infrastruktur ergeben. Die Sorge vor „Daten-Unfällen“ teilt er dabei nicht. Genervt ist er vielmehr, dass es nicht mit ausreichendem Tempo vorangeht.

Nicht jeder sieht es so wie Günther M. Vielen Versicherten fehlt schlichtweg das Vertrauen in die „neue“ Daten-Autobahn. So bedarf es noch reichlich Aufklärungsarbeit und vertrauensbildender Maßnahmen, damit die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens – laut gematik eines der größten IT-Projekte Europas – richtig Fahrt aufnehmen kann. Denn unbestritten ist, dass auf lange Sicht die Vorteile überwiegen werden.

Schwerpunkt: „Diabetes digital“


von Dr. med. Meinolf Behrens

Avatar von meinolf-behrens

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2022; 71 (3) Seite 16-19

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Diabetes-Anker-Podcast – „Höhen & Tiefen“: Wie war für dich die erste Flugreise mit Typ-1-Diabetes, Katharina?
Diabetes-Anker-Podcast – „Höhen & Tiefen“: Wie war für dich die erste Flugreise mit Typ-1-Diabetes, Katharina? | Foto: Victoria Tomaschko

2 Minuten

Mit Typ-1-Diabetes: Auf in die Schule nach Spanien!
Von ihrem Typ-1-Diabetes ließ sich Juliana Heidenreich nicht von ihrem Traum abhalten, ein halbes Jahr in Spanien zur Schule zu gehen. Gut vorbereitet zusammen mit ihrer Familie konnte sie die Zeit bei ihrer Gastfamilie genießen.
Mit Typ-1-Diabetes: Auf in die Schule nach Spanien! | Foto: privat

8 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • thomas55 postete ein Update vor 1 Woche, 3 Tagen

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Woche, 3 Tagen

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 3 Wochen, 4 Tagen

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

    Wer ist am Start?

    ( 4 von 6 )
    66.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%