- Technik
Flash-Quiz Teil 3: Sensordaten richtig interpretieren – der Gruppenleiter
5 Minuten

Kontinuierlich gemessene Glukosedaten richtig zu interpretieren, kann knifflig sein. In der neuen Serie „Flash-Quiz“ stellen wir Ihnen Fallbeispiele nebst Sensordaten vor. Wir beschreiben, was man anhand der Daten erkennen kann – Ihre Aufgabe ist es, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Hier finden Sie Teil 3.
Das Flash-Quiz – so funktioniert’s
Heute nutzen viele Menschen, die eine intensivierte Insulintherapie (ICT) oder eine Insulinpumpentherapie durchführen, Sensoren zur Therapieüberwachung. Damit erhalten sie statt 4 bis 10 einzelnen Blutzuckerwerten beliebig viele Einzelmessungen der Glukose, einen kontinuierlichen Verlauf über 24 Stunden und Trendmeldungen, ob der Zucker steigt, fällt oder gleich bleibt. Die Tagesdaten lassen sich grafisch übereinanderlegen, so dass man die Werte von 7, 14, 30 oder 90 Tagen im Überblick erhält.
Umgang mit den Programmen erlernen
Diese Daten und grafischen Darstellungen werden von verschiedenen Auswerteprogrammen erzeugt. Den Umgang mit den Programmen muss man erlernen, damit man aus den Darstellungen die richtigen Schlüsse ziehen kann. Dabei sollte man sich nicht nur auf die Interpretation der Daten gemeinsam mit dem Diabetesteam verlassen: Jeder Patient sollte selbst erlernen, seine eigenen Daten anzuschauen, auszuwerten und die richtigen Schlüsse zu ziehen.
AGP: ambulantes Glukoseprofil
Durch Sensoren erhalten Menschen mit Diabetes beliebig viele Glukosewerte. Ein Auswerteprogramm ist das ambulante Glukoseprofil (AGP). Im AGP sehen Sie die Mittellinie („Median“) mit den Glukosewerten, die in der Mitte liegen, in den blauen Feldern die Abweichungen. Im dunkelblauen Bereich liegen 50 Prozent aller gemessenen Glukosewerte, im dunkel- und hellblauen Bereich 80 Prozent. Sind diese Bereiche sehr breit, deutet dies auf ein Einstellungsproblem hin. Ein sehr breiter hellblauer Bereich ist ein Hinweis für tägliche Schwankungen.
Achtung: Erst ab 80 Prozent erfasster Sensordaten kann eine therapierelevante Aussage getroffen werden.
Selbst die richtigen Schlüsse ziehen
In drei Teilen der Flash-Serie stellen wir Ihnen die Geschichte eines Patienten vor. Danach sehen Sie die Sensordaten, und wir beschreiben, was man anhand dieser Daten typischerweise erkennen kann. Ihre Aufgabe ist es dann, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ziel ist es, die Therapie durch die richtige Interpretation der Sensordaten für den Patienten zu optimieren.
Am Ende dieser Seite finden Sie die Lösung.
Wir hoffen, dass Ihnen das Flash-Quiz Freude macht und Ihren Blick für die Sensordaten schärft!
Flash-Quiz Teil 3: der Gruppenleiter
Helmut Werner ist 62 Jahre alt und hat seit 38 Jahren Typ-1-Diabetes. Er lebt in einer festen Partnerschaft und arbeitet als Gruppenleiter in einer Behinderteneinrichtung, kein Schichtdienst. Seit fünf Jahren trägt er eine mylife-Omnipod-Insulinpumpe. Grund für die Umstellung auf Pumpentherapie waren sehr schwankende Blutzuckerverläufe und ein ausgeprägtes Dawn-Phänomen (erhöhte Blutzuckerwerte am Morgen). Sein letzter HbA1c-Wert lag bei 9,2 Prozent.
Herr Werner hatte in letzter Zeit starke Beschwerden in der Schulter und war deshalb beim Orthopäden. Die Diagnose: Schultergelenksarthrose. Seitdem ist der Zucker entgleist und lässt sich nur schwer unter 400 bis 550 mg/dl (22,2 bis 30,6 mmol/l) korrigieren. Immer wieder treten aber auch Unterzuckerungen auf.
Seine Pumpe ist mit dem Insulin NovoRapid gefüllt. Seine Basalrate beträgt 19,5 Einheiten/24 Stunden. Er rechnet durchgehend mit KE-Faktoren von 1,1 E/KE, und seine Korrekturregeln lauten 30 - 50 - 40 - 60 mg/dl (1,7 - 2,8 - 2,2 - 3,3 mmol/l) mit dem Ziel 100 mg/dl (5,6 mmol/l) tagsüber und 120 mg/dl (6,7 mmol/l) nachts. Er scannt etwa 10- bis 15-mal am Tag (FreeStyle Libre, FGM) und isst ca. 12 KE am Tag.
Was verraten die Sensordaten?
Auf der 1. Abbildung sehen Sie die Momentaufnahme der letzten 15 Tage direkt nach dem Orthopädenbesuch. Der Glukosedurchschnitt liegt bei 230 mg/dl (12,8 mmol/l). Nur 23 Prozent der Werte liegen im Zielbereich zwischen 70 und 180 mg/dl (3,9 und 10,0 mmol/l). 77 Prozent der Werte liegen über dem Zielbereich. Werte unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l) gab es nicht.

Auf der 2. Abbildung sieht man den Medianwert. Er liegt bei Helmut Werner im Mittel zwischen 200 und 250 mg/dl (11,1 und 13,9 mmol/l). Nach dem Frühstück sieht man einen stärkeren Anstieg. Mittags fällt dieser eher flach aus, abends fehlt der Anstieg nach dem Abendessen. Im dunkelblauen Streifen sieht man keine sehr große Abweichung (Varianz) in der Nacht. Am späten Vormittag und vor allem am späten Nachmittag wird die Varianz größer. Der hellblaue Bereich streut vor allem am Vormittag nach unten und am späten Nachmittag nach oben.

Zwei Wochen später
Auf der 3. Abbildung sehen Sie die Werte etwa zwei Wochen später. Der Glukosedurchschnitt liegt bei 115 mg/dl (6,4 mmol/l). 88 Prozent der Werte liegen im Zielbereich, 6 Prozent darüber und 6 Prozent darunter. Es gibt etwa 10 Werte unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l), vier davon unter 60 mg/dl (3,3 mmol/l), keiner unter 50 mg/dl (2,8 mmol/l). Die erfassten Daten liegen mit 94 Prozent im guten Bereich.

Auf der 4. Abbildung sehen Sie, dass die Nacht mit einer sehr schmalen Varianz um die 100 mg/dl (5,6 mmol/l) verläuft. Der Anstieg nach dem Frühstück ist geringer, der nach dem Mittagessen verstärkt und abends wieder fehlend. Auffallend ist die starke Varianz nach dem Frühstück nach oben sowohl im dunkelblauen als auch im hellblauen Bereich.
Überlegen Sie: Was ist passiert? Was hätte Helmut Werner besser machen können?

So, nun die spannende Frage: Wie können Sie Helmut Werner helfen?
hier finden Sie die Lösung (zum Ausklappen anklicken)
Sie werden es sicherlich vermutet haben – der Orthopäde hat Herrn Werner ein kortisonhaltiges Medikament gespritzt. Herr Werner hatte versäumt, die temporäre Basalrate anzupassen. Das Insulin hatte zwei Wochen nach Kortisongabe keine ausreichende Wirkung.
Wichtig bei Kortisongabe: die temporäre Basalrate anheben
Herr Werner hätte gleich nach der Kortisongabe die temporäre Basalrate seiner Insulinpumpe um mindestens 30 Prozent erhöhen müssen. Wenn dies nicht gereicht hätte, hätte er die temporäre Basalrate schrittweise um je 10 Prozent anheben müssen. Man kann die Erhöhung abschätzen, indem man die Insulinmenge der Korrekturen an einem Tag addiert und davon etwa die Hälfte der Basalrate hinzufügt.
Ohne Pumpe: Korrekturen alle zwei Stunden nötig
Ohne Pumpentherapie wären Korrekturen alle zwei Stunden bis zur Glukosenormalisierung notwendig gewesen. Danach wäre für die folgenden Tage ebenfalls das Basalinsulin anzuheben gewesen.
Herr Werner hatte jedoch seine Basalrate beibehalten, aber die KE-Faktoren leicht verändert. Er hatte sich morgens auf einen KE-Faktor von 1,5 eingestellt, mittags auf einen Faktor von 0,8 und abends auf 1,1. Das erklärt die anderen und nicht so günstigen Verläufe.
Na, sind Sie auf die Lösung dieses Problems gekommen? Dann Gratulation!
von Prof. Dr. Thomas Haak und Dr. oec. troph. Astrid Tombek
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (1) Seite 34-35
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Behandlung

2 Minuten
- Soziales und Recht

2 Minuten
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
lena-schmidt postete ein Update vor 6 Tagen, 10 Stunden
Am Mittwoch um 19 Uhr findet das nächste Community-MeetUp via Teams statt. Alle sind herzlich eingeladen! Alle Infos findet ihr hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-august-2026/
Virtuelles Diabetes-Anker Community-MeetUp im August – Diabetes-Anker
Wir freuen uns auf das nächste Community-MeetUp am 12. August! 1x im Monat treffen wir uns und tauschen uns rund um das Thema Diabetes aus. Die ganze Community ist herzlich eingeladen. […]
thomas55 postete ein Update vor 1 Monat
Hallo Philipa,
beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
Viel Erfolg
Thomasphilipa postete ein Update vor 1 Monat
Hallo zusammen,
Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?- ole-t1 antwortete vor 1 Monat
Hallo philipa,
Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
Beste Grüße




