Patienten-Schafe auf neuen Wegen

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© Kirchheim/Christian Mentzel
Patienten-Schafe auf neuen Wegen

Der Arzt der Hirte, die Patienten seine Schäfchen? In der Kolumne Zum guten Schluss stellt Alex Adabei fest, dass durch Diabetes starre Rollenverteilungen aufgebrochen werden.

Aus dem Wartezimmer ist ein mehrstimmiges Blöken zu hören. Der Hütehund kommt herein. Schlagartig wird es still; ein Schaf wird abgeholt.

Der Hirte und seine Schäfchen?

Tja, solche Bilder entstehen in meinem Kopf, wenn ich mir uns Patienten als geduldige Schafe vorstelle und den Arzt als allwissenden Hirten. Der Hütehund ist natürlich die Arzthelferin. Der Hirte bestimmt, wo’s langgeht. “Herrlich”, denkt er sich, “was ich sage, wird gemacht.” Die Schafe sind sehr dankbar, dass der Hirte für sie sorgt. Manchmal allerdings muckt ein schwarzes Schaf vorwitzig auf. Es wird entweder schnell wieder eingegliedert oder aus der Herde entfernt.

Klar, so einfach ist das nicht – aber ganz von der Hand zu weisen eben auch nicht. Ist ja auch kein Wunder: In ihrer Ausbildung lernen Ärzte, die Akteure zu sein und durch ihre Maßnahmen die Gesundheit ihrer Patienten wiederherzustellen. Und die Patienten haben verinnerlicht: “Ich gehe zum Arzt, der verschreibt mir was, und wenn ich das brav nehme, werde ich wieder gesund.”

Diabetes bedingt mehr Eigenverantwortung

Dieses System aber hat seine Grenzen. Eine dieser Grenzen sind chronische Krankheiten wie der Diabetes. Durch den Diabetes müssten Hirte und Schafe raus aus ihrem jahrzehntelangen Trott – eigentlich. Aber: “Warum darf ich kein Schaf mehr sein?”, fragt sich das Schaf. Und: “Warum darf ich kein Hirte mehr sein?”, fragt sich der Schäfer. Auch die Hütehunde sind verwirrt.

Blöd ist: Es muss sich was ändern, wenn es mit dem Diabetes besser laufen soll. So könnte es gehen: Der Arzt gibt seinen Patienten mehr Raum, traut ihnen mehr zu. Das ist klug, weil er ja nicht nur ein Schaf, sondern eine ganze Herde zu versorgen hat. Und er stellt fest: “So schlecht ist das nicht – ich muss nicht mehr die ganze Verantwortung alleine tragen.”

Starre Rollenverteilung ist aufgehoben

Die Patienten nutzen diese Freiräume und merken: “Ich weiß und kann viel mehr, als ich dachte.” Die starre Rollenverteilung ist aufgehoben, auch für die fürsorglich hütenden Arzthelferinnen, die nun zum Beispiel die Schulung übernehmen. Mehr Freiräume bedeuten aber auch: weniger (gefühlte) Sicherheit. Kann sein, dass der Abschied von den klaren Rollen schwerfällt.

Wer mag, darf sich deshalb seinen Arzt jetzt gern mit einem Schafsschwänzchen vorstellen und sich selbst den Hirtenhut auf die wolligen Ohren setzen – das hilft garantiert.


von Alex Adabei

Das Team für den guten Schluss: Dr. Hans Langer arbeitet als Arzt in einer Diabetesklinik, Jana Einser hat schon seit Kindertagen Typ-1-Diabetes und Alex Adabei hat viele Bekannte und Verwandte mit Typ-2-Diabetes. Sie schreiben abwechselnd für diese Kolumne.

Kontakt:
Kirchheim-Verlag, Kaiserstraße 41, 55116 Mainz, Tel.: (06131) 9 60 70 0,
Fax: (06131) 9 60 70 90, E-mail: redaktion@diabetes-journal.de

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2015; 64 (4) Seite 90

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  • moira postete ein Update vor 4 Tagen

    Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄

  • bloodychaos postete ein Update vor 1 Woche, 4 Tagen

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 2 Wochen, 1 Tag

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

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