Auf der anderen Seite der Spritze

2 Minuten

Auf der anderen Seite der Spritze

Auch Ärzte können zum Patienten werden. So ging es unserem Autor Dr. Hans Langer im Juni. In der Kolumne Zum guten Schluss berichtet er, wie er den Rollenwechsel erlebt hat.

Es war ein geplanter Eingriff, aber dennoch ungewohnt. Ich musste mich einer Dickdarmspiegelung unterziehen – und aus dem Arzt wurde auf einmal ein Patient. Am Tag des Eingriffs trudelte ich also bereits um halb acht Uhr morgens in der Klinik ein. Wie jeder andere Patient reihte ich mich in die Schlange der Wartenden ein. Dann bekam ich ein Flügelhemdchen an und eine spezielle Hose sowie eine Infusionskanüle in meinen Arm.

Jetzt hieß es warten. Wann hatte ich je so viel Zeit? Und letztlich kamen mir Gedanken, die mir sonst noch nie in den Sinn gekommen waren: Was kann bei dem Eingriff alles passieren? Was geschieht, wenn ein unguter Befund dabei herauskommt? Wer wird den Eingriff denn eigentlich durchführen: vielleicht der Assistenzarzt, der das erst zum dritten Mal macht? Alles Dinge, die ich sonst meinen Patienten auch zumute, ohne überhaupt darüber nachzudenken.

Dinge, die man als Arzt gar nicht wahrnimmt …

Während ich so wartete, schweifte mein Blick durch den Raum: Ob die Maschinen hier alle sorgfältig gewartet sind? Ob sie den Hygienevorschriften entsprechen? Was ist, wenn ich mir einen Krankenhauskeim einfange? Mich beschäftigten Dinge, die ich bei meinen Patienten gar nicht auf dem ärztlichen Radar habe.

Es ist schon komisch, wenn man, wie mein Chef sagt, auf der falschen Seite der Spritze steht: Denn jetzt gebe ich nicht die Spritze, sondern ich erhalte sie. Ich bin plötzlich ein Patient mit all seinen Sorgen und Ängsten, die bei mir als Arzt natürlich bei weitem nicht so ausgeprägt sind wie bei einem Patienten, der vielleicht nicht so viel medizinische Erfahrung hat.

Rollentausch: eine interessante Erfahrung

Wie wohltuend war es, als die Schwester hereinkam und mit mir äußerst freundlich ein paar Worte wechselte; als dann der Oberarzt der Klinik aufkreuzte und mit mir den Ablauf des Eingriffs besprach, da hatte ich das gute Gefühl, in kompetenten Händen zu sein. Bevor es losging und ich eine Beruhigungsspritze bekam, scherzte er noch, ob ich lieber vom letzten Urlaub oder von einer Steuerrückzahlung träumen möchte. Dann erhielt ich die Spritze, und es wurde dunkel.

Als ich erwachte und mich fragte, wann es endlich losgehen würde, stand der Oberarzt da und meinte: “Alles o. k., Herr Kollege!” Welch gutes Gefühl! Dann erblickte ich Gabi, die mich nach der Beruhigungsspritze natürlich abholen musste und mich für den Rest des Tages zuhause auf der Couch verwöhnte. Ein tolles Gefühl! Aber es war auch eine interessante Erfahrung, auf der falschen Seite der Spritze zu stehen.


von Dr. Hans Langer

Das Team für den guten Schluss: Dr. Hans Langer arbeitet als Arzt in einer Diabetesklinik, Jana Einser hat schon seit Kindertagen Typ-1-Diabetes und Alex Adabei hat viele Bekannte und Verwandte mit Typ-2-Diabetes. Sie schreiben abwechselnd für diese Kolumne.

Kontakt:
Kirchheim-Verlag, Kaiserstraße 41, 55116 Mainz, Tel.: (06131) 9 60 70 0,
Fax: (06131) 9 60 70 90, E-mail: redaktion@diabetes-journal.de

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2015; 64 (8) Seite 84

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Diabetes-Anker-Podcast: Diabetes und psychische Flexibilität – mit Psychologin Laura Klinker
Ein unerwarteter Wert, eine Unterzuckerung – und plötzlich ist der Frust da. Im Diabetes-Anker-Podcast erklärt Psychologin Laura Klinker, warum unterdrückte Gefühle solche Situationen oft verschärfen und wie psychische Flexibilität im Alltag mit Diabetes gelingen kann.
Porträt der lachenden Psychologin Laura Klinker vor hellblauem Hintergrund, mit langen braunen Haaren und gemustertem Pullover; oben rechts das Logo des Diabetes-Anker-Podcasts.

2 Minuten

Präventionsoffensive: Auftakt zum breiten Angriff auf chronische Krankheiten?
Noch wird um die genaue Ausgestaltung der „Zuckersteuer“ gerungen. Mit einer „Präventionsoffensive“ will das Bundesgesundheitsministerium dafür sorgen, dass diese Abgabe kein Strohfeuer im Kampf gegen Typ-2-Diabetes und andere chronische Krankheiten bleibt.
Zwei Fußballspielerinnen in schwarzen und blauen Trikots laufen auf einem grünen Rasen einem Fußball hinterher. Die Aufnahme aus der Vogelperspektive symbolisiert Bewegung und Prävention.

3 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • uho1 postete ein Update vor 2 Tagen, 16 Stunden

    @calvin240
    Ich hätte eine Frage zum
    Bestellablauf und deinen Erfahrungen mit Medtrum. Könnte ich dich auch „privat“ anschreiben? Wenn du vielleicht meine Freundschaftsanfrage annimmst? Gruß Ute

  • Bin neu hier. Typ2. Meine Werte verschlechtern sich obwohl ich nicht anders esse und mehr Bewegung eingebaut habe. Denke Stress ist hier das Hauptthema. Pflegebedürftige Mutter und Sohn steht im Stastsexsmen. Habe seit Jahren auch Depressionen und Panikattacken. Bin verzweifelt.

    • Liebe @123novesia, willkommen in unserer Community. Es tut mir sehr leid zu lesen, wie viel gerade auf deinen Schultern liegt. Die Sorge um deine Mutter, der Stress rund um das Staats­examen deines Sohnes und dazu Depressionen und Panikattacken. Dass dich das erschöpft und verzweifelt macht, ist sehr verständlich.
      Bitte mach dir keine Vorwürfe: Verschlechterte Werte bedeuten nicht automatisch, dass du etwas falsch machst. Stress und psychische Belastungen können den Blutzucker beeinflussen. Trotzdem wäre es wichtig, die Veränderungen zeitnah mit deiner Diabetespraxis oder deiner Hausärztin/deinem Hausarzt zu besprechen, damit auch andere Ursachen ausgeschlossen und die Behandlung gegebenenfalls angepasst werden kann.
      Du musst das alles nicht allein tragen. Vielleicht gibt es für deine Mutter Unterstützung durch Angehörige, einen Pflegestützpunkt oder einen ambulanten Dienst. Und auch für dich wäre jetzt Unterstützung wichtig – durch deine behandelnde Praxis oder eine psychotherapeutische/psychiatrische Anlaufstelle. Auch hier findest du vielleicht noch Halt und Unterstützung aus unserer Community. Alles Gute und pass auf dich auf. Liebe Grüße Lena

  • jseiffert postete ein Update vor 1 Woche, 4 Tagen

    Hallo zusammen,
    heute findet unser nächstes Community-MeetUp via Teams statt.
    Alle Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-september-26
    Wir freuen uns auf Euch! 🙂