Mein Diabetes macht ohne mich Urlaub: Wie sich Italien auf meinen Blutzucker auswirkt

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Mein Diabetes macht ohne mich Urlaub: Wie sich Italien auf meinen Blutzucker auswirkt

Pizza, Pasta, Gelato – für jeden Diabetiker ist der Urlaub in Italien oder einem anderen Land mit kulinarischen Versuchungen oft ein Horror. Unbekannte Lebensmittel, keine Kohlenhydratangaben und man möchte auch nicht immer an den Diabetes denken. Maggy hat sich den Leckereien gestellt.

Pizza, Pasta, Gelato sind eine wahre Herausforderung für jeden Insulinjunkie. Aber was ist, wenn der Diabetes sich einfach mal selbst eine Auszeit nimmt? Meine beruflichen Aufenthalte in Italien nutzt mein Zuckermonster, um mal ordentlich zu entspannen. Der Insulinbedarf sinkt, der Blutzucker steigt kaum an und auch Unterzuckerungen sind selten. Seit Jahren versuchen mein Diabetologe und ich, dieses Rätsel zu lösen. Hier unsere Ideen…

Meine ersten Tage in Italien

2007 war ich das erste Mal für mein Auslandssemester in Italien. Seit 2013 arbeite ich regelmäßig dort in Archiven und Bibliotheken, um für meine Doktorarbeit zu recherchieren. Ich bin immer ein bis zwei Monate in Florenz und kann jedes Mal denselben Effekt feststellen: Während ich arbeite, macht mein Diabetes Urlaub. In den ersten zehn Tagen schraube ich meine Basalrate beinahe täglich runter.

Den Effekt kann ich auch an wärmeren Tagen in Deutschland beobachten, da das Insulin dann bei mir besser wirkt. Normalerweise gibt mir meine Pumpe über den Tag verteilt 28 Einheiten. Meine italienische Basalrate liegt bei 23 Einheiten. Als Erstes muss ich immer meinen morgendlichen BE-Faktor von 1,5 auf 1 korrigieren.

Die anderen Faktoren benötigen etwa zwei Wochen toskanische Sonne, bis auch diese um 0,5 gesenkt werden müssen. Nach etwa einer Woche liegt mein Morgenblutzucker nüchtern bei entspannten 80-100 mg/dl (4,4-5,5 mmol/l).

Böses italienisches Essen?

In Deutschland meide ich Weißmehlprodukte wie Pizza und Pasta. Es geht immer schief. In Italien würde ich verhungern, wenn ich dort versuchen würde, diesen Lebensmitteln aus dem Weg zu gehen. Nun ja, und dem wundervollen, italienischen Eis möchte ich auch gar nicht ausweichen. Diese kulinarischen Köstlichkeiten bleiben auch weiterhin eine Herausforderung, aber dennoch ist irgendetwas anders.

Viele kennen die Experimente um die Bolusgabe für Pizza. Die italienische Pizza ist meist mit frischem Mozzarella und einem sehr dünnen Boden gemacht. Das ist der wohl deutlichste Unterschied zur deutschen Pizza mit Gouda, der schnell mal einen doppelt so hohen Fettgehalt hat wie die italienische weiße Käsekugel.

Zusätzlich wird viel Wert auf frische Produkte aus der Region gelegt, die eine hohe Qualität haben – keine Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker, zusätzliche versteckte Kohlenhydrate oder unnötiger Zucker. Da darf der Diabetes sich entspannt zurücklehnen und der aufgeteilte Bolus kann sich mit der Pizza beschäftigen.

Warum macht mein Diabetes Urlaub?

Der Käse allein macht nicht den Unterschied und ich esse ja nicht nur die ganze Zeit Pizza. Arbeite ich in der Nationalbibliothek in Florenz, gönne ich mir jeden Mittag ein Panino auf der nächsten Piazza und runde das Essen mit einem Cappuccino und einem Gelato ab.

Und genau da liegt der erste entscheidende Unterschied: Möchte man nicht ein schlechtes, überteuertes Panino essen, das immer den Touristen angedreht wird, muss man in die versteckten Läden in die Seitenstraßen. Mein Lieblingsladen ist rund einen Kilometer von meinem Arbeitsort entfernt. In den historischen Stadtzentren gibt es entweder nur schlechte Busverbindungen oder es würde durch die vielen Staus länger dauern, als zu Fuß zu gehen.

So komme ich täglich auf 10.000 bis 13.000 Schritte. Hier in Deutschland muss ich extra eine Stunde Walken gehen, um das zu schaffen.

Foto: Katharina Tugend

Andere Länder, andere Sitten

Der veränderte Lebensrhythmus ist ebenfalls ein wichtiger Punkt, der zur Verbesserung der Blutzuckerwerte führt. Wer hätte hier schon Zeit, erst einmal 2 km für ein belegtes Brötchen zu laufen? Das wäre undenkbar. Auch muss ich nicht um 8 Uhr im Büro sein, sondern kann länger schlafen und gemütlich um 10 Uhr mit der Arbeit in der Bibliothek beginnen – was offenbar meiner inneren Uhr entspricht. Keine Fristen sitzen mir im Nacken und auch kein Leistungsdruck.

Die italienischen Mitarbeiter führen selbst ein entschleunigtes Arbeitsleben, was man gar nicht glaubt, wenn man den Trubel auf den Straßen sieht. Wenn etwas nicht sofort fertig ist, dann ist das eben so und dann wird es am nächsten Tag eben beendet. Dies zeigt mal wieder, wie nicht nur Bewegung, sondern auch Stress auf den Diabetes Einfluss haben können.

Italien auf Rezept?

„Wenn ich könnte, würde ich Ihnen einen Daueraufenthalt in Italien auf Rezept ausstellen!“, scherzte mein Diabetologe nach dem letzten längeren Aufenthalt. Vor ihm lagen meine Werte aus der Zeit und ein HbA1c von 5,6. Er sagte, dass er das bei vielen Patienten beobachten kann, die längere Zeit aus ihrem stressigen Berufsleben und Alltag aussteigen.

In den Daten war nur eine einzige Spitze über 200 mg/dl (11,1 mmol/l) zu finden – da hatte ich Eis mit flüssigem Nougat gegessen und den Italieneffekt doch zu hoch eingeschätzt. Aber so gut, wie das Eis geschmeckt hat, hat sich das definitiv gelohnt.

Foto: Katharina Tugend

von Katharina Tugend

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  • Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Tag, 2 Stunden

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 2 Wochen, 1 Tag

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

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