Raum für schwierige Fragen

2 Minuten

Community-Beitrag
Raum für schwierige Fragen

Die Entdeckung des Insulins jährt sich dieses Jahr zum 100. Mal – durchaus ein triftiger Grund, sich zu freuen und zu feiern, wie auch Tine findet. Allerdings weist sie in ihrem aktuellen Kolumnenbeitrag darauf hin, dass noch lange nicht jeder Mensch mit Diabetes auf dieser Welt davon profitieren kann und sich auch in den wohlhabenden Regionen ein Trend abzeichnet, der Sorge bereiten sollte.

Noch vor 100 Jahren gab es für Menschen mit Diabetes nicht einmal einen Bruchteil der Therapiemöglichkeiten wie heute. Nicht einmal Insulin, nach wie vor das einzige lebensrettende Medikament für Menschen mit Typ-1-Diabetes, war damals schon selbstverständlich verfügbar. Ohne Insulin wären wir alle nicht hier, Punkt.

Ich beobachte die vielen Feierlichkeiten zum diesjährigen 100. Jubiläum der ersten gelungenen Isolierung von Insulin, vor allem in Deutschland, aus der Ferne. Es wurde viel über die erste Insulinisolierung im Jahr 1921 gesprochen und auch darüber, dass dennoch Schulungen, Ärzte und Ärztinnen sowie die technische Weiterentwicklung unserer Hilfsmittel wichtig für uns sind. Ich komme aber nicht umhin, dabei einen wichtigen Aspekt schmerzlich zu vermissen.

Klar, wir feiern die wissenschaftlichen Entwicklungen, wir feiern die Meilensteine und die Menschen, die den Weg bereitet haben und die Schritte gegangen sind, die notwendig waren, damit das Leben für uns mit Dia­betes heutzutage weitergehen kann.

Das ist sicher alles toll und wichtig, aber leider nur die eine Seite der Medaille. Ich als vermeintlich aufgeklärte Patientin bleibe mit Fragen und einem komischen Gefühl zurück:

  • Warum haben immer noch nicht alle Menschen auf der Welt den gleichen, leistbaren Zugang zum lebenswichtigen Insulin?
  • Wo ist hier die Solidarität und wie sehen hier die nächsten Schritte aus?
  • Wie viele Menschen müssen noch leiden, sterben, weil wir es bis heute nicht geschafft haben, das Hormon für alle zur Verfügung zu stellen, die es benötigen?
  • Wie lange bleibt Insulin für uns hier in Mitteleuropa überhaupt noch leistbar, wenn man sich die Entwicklungen in der Welt anschaut?
  • Werde ich mich irgendwann zwischen Lebensmitteln und Insulin entscheiden müssen, so wie es gerade schon vielen Menschen in den USA geht?
  • Werde ich mich irgendwann mit dem Thema Insulinrationierung beschäftigen müssen, weil es schlichtweg zu teuer für mich geworden ist, so wie das bereits vielen Menschen geht, darunter auch vielen Kindern und Jugendlichen?

Diese Wut, diese Angst, diese Fragen sind echt, real, und werden leider nachvollziehbar selten in der Öffentlichkeit besprochen. Wir unterhalten uns natürlich lieber über die positiven Dinge, schließlich passiert schon genug Aufwühlendes in dieser, unserer Welt. Aber gerade deswegen: Als „insulin-dependent“, also vom injizierten Insulin wortwörtlich abhängige Frau, deren Bauchspeicheldrüse kein eigenes Insulin mehr produziert, sind das Sorgen, Fragen und Ängste, für die auch Raum geschaffen werden muss und der mir bisher leider zu diesem Thema gefehlt hat.

Eure Tine

Martina „Tine“ Trommer lebt seit Jahren in der Hauptstadt, bloggt seit ihrer Diabetesdiagnose 2013 unter icaneateverything.com sowie auf der Blood Sugar Lounge und schreibt regelmäßig in ihrer Diabetes-Journal-Kolumne „diabetes and the city“ über ihr Leben mit Diabetes in Berlin.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2021; 70 (10) Seite 43

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Trügerische Ampel: Lenkungswirkung verfehlt – warum der Nutri-Score so nicht funktioniert
Ein grünes „A“ für Weißmehl-Pasta, obwohl die Insulin-Ausschüttung Achterbahn fährt: Der Nutri-Score verspricht Orientierung, doch sein Algorithmus ignoriert fundamentale Regeln der Ernährungsphysiologie. Warum das Label in seiner jetzigen Form seine Lenkungswirkung verfehlt und sogar den Weg in Richtung Diabetes Typ 2 ebnen kann und warum nur eine Kombination aus Pflichtkennzeichnung und Zuckersteuer echte Abhilfe schafft, legen die Selbsthilfe-Verbände im Diabetes-Anker in einer gemeinsamen Position dar.
Trügerische Ampel: Lenkungswirkung verfehlt – warum der Nutri-Score so nicht funktioniert | Foto: DNI

3 Minuten

Nicht komplett zu verhindern, aber: Unterzuckerungen ernst nehmen
Unterzuckerungen treten immer wieder bei Menschen mit Diabetes auf. Solange es keine sich komplett selbst steuernden und wirklich langfristig vorausschauenden Systeme gibt, lassen sich tiefe Glukosewerte nicht vollständig verhindern. Ernst nehmen sollte man sie trotzdem. Welche Folgen sie haben, wie sie sich zeigen und was sie auslöst, ist folgend dargestellt.
Nicht komplett zu verhindern, aber: Unterzuckerungen ernst nehmen | Foto: VectorMine – stock.adobe.com

5 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Tag, 7 Stunden

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 2 Wochen, 1 Tag

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

    Wer ist am Start?

    ( 4 von 6 )
    66.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%