15.000 Diabetes-Forscher in München

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15.000 Diabetes-Forscher in München

Zur 52. Tagung der Europäischen Gesellschaft für Diabetesforschung (EASD) trafen sich in München über 15.000 Experten. Die Tagung ist der größte internationale Kongress der Diabetesforschung. In 1.167 wissenschaftlichen Vorträgen und Postern wurden neue Forschungsergebnisse vorgestellt.

Erstmals tagte die EASD unter dem Vorsitz einer Frau: Prof. Juleen Zierath aus Stockholm ist jetzt Präsidentin der EASD. Sie ist Professorin am berühmten Karolinska Institut in Stockholm und war bis 2015 Vorsitzende des Nobelpreiskomitees für Physiologie und Medizin.

Bewegung ist gut für den Stoffwechsel, für Herz und Kreislauf

Schwerpunkt der Arbeit von Prof. Zierath sind Forschungen zu Muskelarbeit und Stoffwechsel. Bei der Eröffnung wies sie darauf hin, wie wirksam körperliche Bewegung bei der Therapie von Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist. Auch Prof. Nikolaus Marx, Kardiologe aus Aachen, betonte dies in seinem Vortrag: Er schloss aus vorliegenden Studien, man sollte sich mindestens 150 Minuten pro Woche intensiv bewegen – je länger, desto besser.

Diastolischen Blutdruck noch messen?

Typisch für EASD-Meetings sind Debatten, die Althergebrachtes in Frage stellen. Das Thema einer Debatte verwunderte die Teilnehmer: Sollten wir aufhören, den diastolischen Blutdruck zu messen? Prof. Peter Sever vom ­Imperial College London sprach sich dafür aus. Früher meinte man, der untere, diastolische Blutdruck sei wichtiger; das hält Prof. Sever mittlerweile für überholt. Er meint, die Messung des diastolischen Blutdrucks könne man ersatzlos streichen und sich konsequent auf die Senkung des systolischen Drucks unter 140 mmHg konzentrieren.

Die Ende 2015 publizierte SPRINT-Studie hat viele Diskussionen ausgelöst. Die Studie hatte an 9 300 Patienten gezeigt, dass eine Senkung des systolischen Blutdrucks unter 120 mmHg günstige Effekte auf Herz- und Kreislauferkrankungen hatte.

Tiefer … und immer tiefer?

Somit ergab sich die Frage, ob die Zielwerte der Hypertonie-Behandlung gesenkt werden sollten. Prof. Peter M. Nilsson aus Lund nahm kritisch dazu Stellung: Die Blutdruckwerte dieser Studie darf man nicht mit anderen Studien zur Hypertonie-Behandlung vergleichen. In SPRINT wurde der Blutdruck mit einem automatischen Gerät gemessen, kein Untersucher befand sich im Raum. Dadurch wurde die „Weißkittel-Hypertonie“ vermieden, und die Werte lagen ca. 10 mmHg niedriger als in bisherigen Studien. Also – kein Grund, nun den Zielwert auf unter 120 mmHg zu senken.

Der Claude-Bernard-Preis ist die bedeutendste Auszeichnung der EASD. Bereits zwei der Gewinner haben danach den Nobelpreis erhalten. In München wurde Prof. Mark Cooper aus Melbourne ausgezeichnet. Er erforscht die Mechanismen der Entstehung von Folgeerkrankungen des Diabetes. Eine seiner Entdeckungen ist eine mögliche Erklärung der Beobachtungen in Studien, dass die verbesserte Diabeteseinstellung im Studienverlauf auch viele Jahre nach Ende der Studien noch günstige Wirkungen auf die Endpunkte hatte, obwohl die Einstellung später gar nicht mehr unterschiedlich war.

Dieser Artikel erscheint in der November-Ausgabe des Diabetes-Journals
Die aktuelle Ausgabe des Diabetes-Journals bekommen Sie ab Freitag, 28. November 2016, im Kirchheim-Shop, als ePaper sowie an Kiosken auf Flughäfen und Bahnhöfen.

Prof. Andrew Hatterslay aus Exeter in England erhielt den Preis für „Exzellenz in der Dia­betesforschung“, den die EASD vergibt und den die Novo Nordisk Stiftung finanziert. Der Preis ist mit Forschungsförderung in Höhe von 800 000 Euro verbunden. Das Team von Prof. Hatterslay hat bereits viele Gene entdeckt, die seltene Formen des Diabetes auslösen. Seine neuesten Arbeiten konzentrieren sich auf Unterformen des Diabetes mit dem Ziel einer spezifischen Behandlung. Hatterslay meint, dass man sich viel zu wenig um eine korrekte Diagnostik bei Diabetes kümmert, weil viele Ärzte meinen, für die Behandlung sei das unnötig.

Spätere Premierministerin falsch behandelt!

Theresa May, jetzt britische Premierministerin, ist der erste Staatschef der Welt mit bekanntem Typ-1-Diabetes. Fast wäre ihre Karriere durch falsche Behandlung des Diabetes beendet gewesen: Sie verlor 2012 Gewicht und war immer müde. Ihr Arzt stellte bei der damals 56-Jährigen Diabetes fest und diagnostizierte wegen ihres Alters Typ-2-Diabetes – also nach den Leitlinien mehr bewegen und abnehmen. Das besserte den Diabetes aber überhaupt nicht.

Auch die später eingesetzten Tabletten brachten gar nichts. Sie wurde immer dünner und kränklicher – so dass man in ihrer Partei schon anfing, ihr nichts mehr zuzutrauen. Sie hatte aber gar keinen Typ-2-Diabetes, sondern einen spät aufgetretenen Typ-1-Diabetes. Sie spritzt jetzt viermal am Tag Insulin und regiert das Vereinigte Königreich topfit in schwieriger Zeit. Prof. Hatterslay meint, Ärzte sollten sich mehr Mühe geben, diese im mittleren Lebensalter gar nicht so seltene Form des Diabetes rechtzeitig festzustellen.

Auch bei Kindern lohnt sich eine moderne Dia­gnostik. Hierzu brachte Hatterslay Beispiele: Er erzählte die Krankengeschichte des kleinen Jack, bei dem im Alter von drei Monaten Diabetes festgestellt worden war. Er wurde lange mit Insulin behandelt. Dann wurde eine sehr seltene Diabetesform festgestellt, die sich mit einer Tablette – einem Sulfonylharnstoff – erfolgreich behandeln lässt: für den Jungen wie ein Wunder.

Viele Jahre lang unnötig Insulin

Ein anderer Junge hatte mit 16 Jahren Dia­betes bekommen und wurde mit Insulin behandelt. Weil sehr viele Familienangehörige Diabetes hatten, bat man den Arzt um eine genetische Untersuchung. Der lehnte ab: Das sei zu teuer und hätte sowieso keine Konsequenzen. Die genetische Untersuchung zeigte dann eine seltene erbliche Form des Diabetes, die sich häufig allein mit Tabletten behandeln lässt – der geliebte Fußballsport war nun für den Jungen problemlos.

Gar nicht so selten: Bei 3 Prozent der Menschen, die im Alter unter 30 Jahren Diabetes bekommen, lassen sich bisher bekannte erbliche Störungen feststellen. Vielfach ist dann eine wirkungsvollere Behandlung möglich. Deshalb sollte man auch in Deutschland häufiger entsprechende Untersuchungen durchführen.

Ein Vortrag als Wendepunkt!

Der Vortrag von Prof. Hatterslay war ein Wendepunkt in der Diabetesgeschichte: In Zukunft werden Forscher damit beginnen, mehr über die Diagnostik bei Dia­betes nachzudenken und eine maßgeschneiderte Behandlung zu ermöglichen. Erste Ansätze zeigte Hatterslay aus neuesten Untersuchungen: Vergleicht man die Wirkung von Diabetesmedikamenten bei schlanken Männern und übergewichtigen Frauen mit Typ-2-Diabetes, so wirken verschiedene Medikamente in diesen beiden Gruppen ganz unterschiedlich – Beginn neuer Forschungsarbeiten für eine wirksamere Behandlung.

Pilot mit Insulinbehandlung!

In Großbritannien wurde es weltweit erstmals möglich, eine Berufspiloten­lizenz zu bekommen, wenn man einen mit Insulin behandelten Diabetes hat. Die Voraussetzungen sind sehr gute Dia­beteseinstellung, perfekte Schulung und keinerlei Folgeschäden des Dia­betes. In dem Land kann man also mit Insulinbehandlung Premierministerin und auch Verkehrspilot werden! Um die neue Regelung zu prüfen, wurden Piloten über 6 Monate beobachtet. Die Ergebnisse waren sehr erfreulich: Die Werte waren hervorragend. Hoffentlich eröffnen bald auch andere Länder diese Möglichkeit!

Deutschland Nummer eins

Das Programmkomitee der EASD ist sehr kritisch. Im Vergleich zu anderen Kongressen ist die Ablehnungsrate der eingereichten Vortragsanmeldungen hoch. Umso erfreulicher für die deutsche Dia­betesforschung, dass in diesem Jahr die meisten angenommenen Präsentationen aus Deutschland kamen, gefolgt vom Vereinigten Königreich und den USA. Dank erheblicher Förderung ist die deutsche Diabetesforschung jetzt auf dem Weltniveau angekommen.

Erfolgreiche Ausstellung

Wie immer gab es eine Ausstellung der zahlreichen Diabetesorganisationen in Europa, von Portugal bis Georgien. Friedliche Nachbarn waren hier die palästinensische und die israelische sowie die ukrainische und die russische Diabetesorganisation. Am Stand der rumänischen Diabetesgesellschaft gab es für die Präsidentin der EASD bei ihrem Rundgang einen kräftigen Schnaps zur Stärkung.

Auch das Münchner Dia­betes Museum der Familie Neumann, das mittlerweile über eine beeindruckende Sammlung verfügt, war mit einem Stand vertreten. Der Besuch dieses Museums ist übrigens kostenlos, um Anmeldung wird gebeten unter: neumann@­diabetesmuseum.de

Alles im Internet

Die EASD-Tagung ist im Internet verfügbar. Unter www.easd.org kann man alle Vorträge anhören. Der Zugang ist kostenfrei: Als gemeinnützige Gesellschaft ist es Ziel der EASD, möglichst vielen die neusten Erkenntnisse der Diabetesforschung zukommen zu lassen.


von Dr. med. Viktor Jörgens und Dr. med. Monika Grüsser
Geschäftsführung EASD/EFSD
E-Mail: Dr-Viktor-Joergens@t-online.de

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2016; 65 (11) Seite 10-12

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  • Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 3 Tagen, 10 Stunden

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 2 Wochen, 3 Tagen

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

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