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Ängste bei schwankenden Glukosewerten: die Kontrolle behalten
4 Minuten
Ängste vor zu hohen oder zu niedrigen Glukosewerten können nützlich sein, wenn sie dazu führen, bei Schwankungen angemessen zu reagieren. Sie können aber in übersteigerter Form zur Folge haben, dass Sie eine gute Stoffwechseleinstellung nur erschwert erreichen und Ihr Wohlbefinden beeinträchtigt ist. Wie erkennt man dies, wie steuert man gegen?
Viele Menschen mit Diabetes wollen Glukosesensoren nicht mehr missen. Solche Sensoren ermöglichen, den Glukoseverlauf besser im Blick zu behalten und rechtzeitig auf Änderungen zu reagieren. Andererseits: Fühlen Sie sich nicht manchmal durch das häufige Zuckerfeedback gestresst? Kommt es vor, dass Sie beim Anblick des Displays in Angst geraten und überreagieren?
Bei einem beliebigen Sensorwert mit Pfeil nach unten liegt der tatsächliche Blutzuckerwert tiefer, da die Gewebeglukose der Blutglukose quasi hinterherhinkt. Das Gefühl der Sorge ist bei einem kritischen Wert sogar nützlich: Die Sorge aktiviert und veranlasst Sie, eine Unterzuckerung zu verhindern.
Nützliche Seiten der Angst
Umgekehrt ermöglicht die Angst, bei einem hohen Sensorwert mit Pfeil nach oben innezuhalten, um angemessen zu reagieren. Der Drang zum bedachten Gegensteuern je nach Wert und Pfeilrichtung ist aus diabetologischer Sicht durchaus sinnvoll.
Studien zeigen, dass bei starken Schwankungen Betroffene mehr Zeit in Unter- und Überzuckerungen verbringen. Gleichzeitig können Unterzuckerungen „Folgeunterzuckerungen“ nach sich ziehen. Ebenso erschweren starke Schwankungen die Einstellbarkeit des Diabetes erheblich.
Übersteigerte Angst bei steigenden oder fallenden Werten
Ängste neigen dazu, sich zu verselbstständigen. Es gibt keine klare Trennlinie, ab welcher Ausprägung Ängste bei Glukoseschwankungen unberechtigt sind. Sie sind jedoch sicherlich übersteigert, wenn die Angst eine gute Blutzuckereinstellung erschwert und Sie in Ihrem Wohlbefinden stark beeinträchtigt.
Das gilt zum Beispiel in folgenden Fällen:
- Aus Angst vor fallenden/steigenden Werten führen Sie überhäufig Scans durch und blicken permanent besorgt auf das Display. Die über das sinnvolle Maß hinaus durchgeführten Checks bringen keinen Erkenntnisgewinn, sie verhelfen Ihnen auch nicht zu besseren Werten. Überhäufiges Überprüfen der Glukosewerte trägt eher dazu bei, Angst und Unsicherheit „am Laufen“ zu halten. Die Fixierung auf das Display und das hektische Gegensteuern drohen sogar, das „Schwankungschaos“ zu vergrößern.
- Sie nehmen bei einem abfallenden Trendpfeil, aber tatsächlich sicheren Werten panisch so lange Kohlenhydrate auf, bis der Trendpfeil wenigstens wieder waagrecht ist.
- Aus Angst geben Sie weniger Insulin als nötig ab (z. B. vor einer Mahlzeit oder bei einer notwendigen Korrektur).
- Nach einer Mahlzeit (innerhalb ca. 2 – 3 Stunden) geben Sie bei steigendem Trendpfeil vorschnell Korrekturinsulin ab, bis der Pfeil wieder nach unten zeigt, ohne z. B. auf das noch wirksame Insulin zu achten.
- Angst führt dazu, dass Sie bestimmte Aktivitäten oder Situationen, z.B. Sport oder Feiern meiden und Sie und Ihre Angehörigen darunter leiden.
Schulung, Übung, Sicherheit gewinnen
Beim Gebrauch von Sensoren müssen Sie viele Informationen (wie Glukosewert, Richtung des Trendpfeils, aktives Insulin) verrechnen und können dabei leicht den Überblick verlieren. Wissen Sie z. B., um wie viel mg/dl (mmol/l) Ihr Glukosewert bei verschiedenen Pfeilrichtungen und Stärken (1 – 3 Pfeile) pro Minute steigt oder fällt?
Eine Schulung (z. B. mit FLASH oder SPECTRUM), das permanente Üben sowie das Sammeln von Erfahrungen helfen, die Glukosekurven „lesen zu können“, Sicherheit zu gewinnen und Ängste abzubauen.
Auf die Genauigkeit kommt es an
Um Schwankungen wirksam regulieren zu können, sind genaue Messwerte das A und O. Ungenaue Werte sind ein Nährboden für Unsicherheit und Angst. Dann laufen Sie Gefahr, falsche Therapieentscheidungen zu treffen und die Schwankungen zu vergrößern. Bei Verwendung eines Sensors sollten Sie daher regelmäßig Ihren Blutzucker gegenchecken und überprüfen, wie genau Ihr System misst.
So können Sie bei jedem Sensorwert die tatsächliche Blutzuckerhöhe besser abschätzen. Eine Anleitung zur Ermittlung der Sensorgenauigkeit finden Sie über den Info-Kasten links. Bei Verwendung eines CGM-Systems mit Kalibrierbedarf tragen Sie durch regelmäßiges Kalibrieren dazu bei, Messungenauigkeiten und damit Fehlentscheidungen zu verhindern.
Ursachen von Schwankungen ermitteln
Versuchen Sie, die Ursachen von Schwankungen herauszufinden, um sie möglichst zu beseitigen. Dazu zählen z. B. Hautveränderungen (Lipohypertrophien oder „Lipos“) bei fehlendem Spritzstellenwechsel, Naschen nebenbei, Bolusgaben nach Gefühl oder unpassende BE-/KE-Faktoren und Korrekturregeln.
Überprüfen Sie jeweils nur eine Ursache, da das gleichzeitige „Drehen an mehreren Schrauben“ verhindert, die Gründe für Ihre Schwankungen herauszufinden. Besprechen Sie Ihre Erfahrungen mit Ihrem Diabetesteam.
Sich Routinen aneignen
Versuchen Sie, sich für kritische Displayanzeigen (steigende/fallende Trendpfeile und grenzwertige Glukosewerte) Routinen anzueignen und diese einzuüben. So können etwa bei drohenden Unterzuckerungen abgepackte Gummibärchen helfen, die Kohlenhydratmenge zu begrenzen. Damit verhindern Sie Essattacken und starke Glukoseanstiege. Legen Sie mit Ihrem Diabetesteam auch fest, wann Sie nach dem letzten Insulinbolus wieder korrigieren sollten (meist nach ca. 2 – 4 Stunden).
Das Verwenden eines Bolusrechners hilft, die Menge des aktiven Insulins abzuschätzen. Hilfreich sind auch die Empfehlungen einer Expertengruppe zur Dosisanpassung bei unterschiedlichen Glukosehöhen und -trends („Score-Card“, siehe Info-Kasten rechts). Besprechen Sie mit Ihrem Diabetesteam, inwieweit Sie dieses Raster anwenden können.
Anstiege nach der Mahlzeit aushalten
Vielleicht versetzen Sie manche Glukoseanstiege, z. B. nach einer Mahlzeit, immer wieder in Unruhe. Dahinter steckt häufig die Befürchtung, dass mit jedem erhöhten Wert Folgeerkrankungen ein Stück näherrücken. Wenn Sie dann zu rasch Korrekturinsulin geben („Angstbolus“), kann es zu Wirküberlappungen verschiedener Insulinboli kommen. Ihre Glukosewerte kommen dann nicht mehr zur Ruhe – und Sie auch nicht.
Versuchen Sie daher, auch wenn es schwerfällt, die Angst auszuhalten und festzustellen, dass sich auch ohne Korrektur der Wert wieder normalisiert. Zur Bewältigung der Angst gibt es Methoden wie Atem- oder Entspannungsübungen, Instruktionen an sich selbst, um die Angst auszuhalten (z. B. sich auf eine andere Tätigkeit zu konzentrieren oder erst nach längerer Zeit wieder zu messen). Finden Sie heraus, wie Sie die Angst bei Schwankungen am besten bewältigen können.
Glukoseabfälle: angemessen reagieren
Vielleicht haben Sie einmal erlebt, dass bei fallendem Pfeil die Kohlenhydrate nicht ausreichten, um eine Hypoglykämie abzufangen. Seither neigen Sie vielleicht dazu, zu früh mit Kohlenhydraten gegenzusteuern. Der Erfolg einer verhinderten Unterzuckerung wirkt dann jedes Mal wie eine Bestätigung, so dass daraus eine Gewohnheit wird.
Wenn Ihr HbA1c deshalb dauerhaft erhöht ist, sollten Sie aus der Verhaltenslogik ausbrechen. Nur so können Sie die Erfahrung machen, dass Sie es auch bei Werten nahe 100 mg/dl (5,6 mmol/l) schaffen, eine Unterzuckerung erfolgreich abzuwenden.
Gut ist besser als perfekt
Ertappen Sie sich manchmal beim Wunsch, eine möglichst gerade Glukoselinie anzustreben – oder neigen zu Perfektionismus? Halten Sie sich vor Augen, dass es auch bei Menschen ohne Diabetes zu Schwankungen und sogar zu leichten Unterzuckerungen kommen kann. Ihr Diabetologe wäre zufrieden, wenn sich 70 Prozent Ihrer Sensorwerte im Bereich von 70 – 180 mg/dl (3,9 – 10,0 mmol/l) befinden. Auch mit den verbleibenden Ausreißern hätten Sie dann immer noch eine gute Diabeteseinstellung.
Nicht mit Ängsten abfinden
Gelingt es Ihnen nicht, übersteigerte Ängste bei Glukoseschwankungen zu bewältigen, sollten Sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Es gibt eine Reihe wirksamer psychotherapeutischer Hilfen, mit denen sich übersteigerte Ängste gut behandeln lassen.
Schwerpunkt: „Unter- und Überzuckerung früh erkennen“
- Unterzuckerungen: Eine Frage des Gleichgewichts
- Hyperglykämie: Hoher Zucker – unterschätzte Gefahr
- Ängste bei schwankenden Werten: die Kontrolle behalten
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2020; 69 (2) Seite 26-28
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stephanie-haack postete ein Update vor 2 Wochen, 4 Tagen
Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂
Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/
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tako111 postete ein Update vor 2 Wochen, 4 Tagen
Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.
Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.
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katrin-kraatz antwortete vor 2 Wochen, 4 Tagen
Für die Augenproblematik konnte bisher keine Kausalität gezeigt werden. Hier sind weitere Studien zu erwarten, deren Ergebnisse abzuwarten sind. Außerdem ist es ein sehr seltenes Ereignis. Details sind zum Beispiel zu finden im Deutschen Ärzteblatt unter https://www.aerzteblatt.de/themen/augenheilkunde/therapie-mit-glp-1-rezeptor-agonisten-okulaere-komplikationen-sind-selten-aber-visusbedrohend-e345aa92-a4f7-4f40-8146-b2967b577504.
Wir bemühen uns, mit unseren Beiträgen ausgewogen über die Ausgaben des Diabetes-Ankers hinweg alle Menschen mit Diabetes zu informieren – mal mehr über den einen, mal mehr über den anderen Typ und auch weitere Diabetestypen. Medikamente finden ebenfalls über die Ausgaben hinweg ausgewogen ihren Raum im Heft.
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moira postete ein Update vor 4 Wochen
Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?
