- Behandlung
Experten-Interview: Was tun bei schlechtem Schlaf durch Hypoglykämie-Angst?
4 Minuten
Einer der Gründe, warum viele Menschen mit Diabetes schlechter schlafen als Nichtdiabetiker, ist die Angst vor Unterzuckerungen in der Nacht. Über weitere Gründe und über schlechten Schlaf auch Jugendlicher mit Typ-1-Diabetes sprachen wir mit dem Experten PD Dr. med. Claudius Teupe.
Im Interview: PD Dr. med. Claudius Teupe
Privatdodzent Dr. med. Claudius Teupe ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und internistische Intensivmedizin. Er ist tätig als Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Krankenhaus Sachsenhausen in Frankfurt am Main und leitet dort zudem das Schlaflabor.

Diabetes-Journal (DJ): Ist der Schlaf von Menschen, die Diabetes haben, anders?
PD Dr. Claudius Teupe: Menschen mit Diabetes leiden häufiger an schlafbezogenen Atemstörungen wie dem obstruktiven Schlafapnoesyndrom. Hierbei kommt es während des Schlafs durch wiederholten Kollaps der oberen Atemwege zu Atempausen mit Unterbrechungen der wichtigen Tiefschlafphasen. Auch eine Depression, die bei Diabetikern häufiger auftritt, kann zu einer Verschlechterung der Schlafqualität führen.
DJ: Welche Diabetiker sind häufiger betroffen als andere?
PD Dr. Teupe: Insbesondere Diabetiker mit Übergewicht sind öfter betroffen. Die Schlafqualität ist bei diesen Diabetikern häufig vermindert. Auch Diabetiker, die eine Therapie mit Insulin oder Tabletten benötigen, leiden häufiger unter Schlafstörungen.
DJ: Spielt die Angst vor Unterzuckerungen eine Rolle bei der Schlafqualität der Menschen mit Diabetes?
PD Dr. Teupe: Ja, die Angst vor einer Unterzuckerung spielt eine wichtige Rolle. Sie kann einen unruhigen und damit weniger erholsamen Schlaf zur Folge haben. Ungestörten Schlaf braucht der Körper aber, um sich zu regenerieren.
DJ: Wie zuverlässig werden bei gutem Schlaf nächtliche Unterzuckerungen von den Betroffenen selbst wahrgenommen? Oder sind es eher Angehörige, die sie merken?
PD Dr. Teupe: Symptome einer Unterzuckerung können u. a. Schweißausbruch, Heißhunger, Herzklopfen, Zittern, Krampfanfälle, Aggressivität oder auch Verwirrtheit bis hin zur Bewusstlosigkeit sein. Nächtliche Unterzuckerungen aber werden von den Betroffenen häufig nicht bemerkt. Hinweise auf eine Unterzuckerung im Schlaf können z. B. durchgeschwitzte Kleidung, Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit sein. Auch Angehörige sollten diese Symptome kennen, um bei Symptomen einer Unterzuckerung Hilfe veranlassen zu können.
DJ: Wie zuverlässig kann jemand, der schlaftrunken ist und zu tiefe Werte hat, auf diese Unterzuckerungen reagieren?
PD Dr. Teupe: Bei schweren Unterzuckerungen kann sich der Betroffene unter Umständen aufgrund von Bewusstseinstrübung und Schlaftrunkenheit nicht mehr angemessen selbst helfen. Deshalb sollten Angehörige oder Personen aus dem persönlichen Umfeld über das Vorliegen eines Diabetes Bescheid wissen, um Hilfe geben oder den medizinischen Notdienst verständigen zu können.
DJ: Gibt es abgesehen von Hypoglykämien oder der Angst davor häufige andere Schlafbeeinträchtigungen jüngerer (Typ-1-)Diabetiker?
PD Dr. Teupe: Etwa ein Drittel aller jugendlichen Typ-1-Diabetiker leidet unter leichten Schlafstörungen. Obwohl Typ-1-Diabetiker seltener Atempausen im Schlaf aufweisen als Typ-2-Diabetiker, die oft zusätzlich ein Schlafapnoesyndrom haben, verbringen Typ-1-Diabetiker weniger Zeit in der erholsamen Tiefschlafphase als gleichaltrige, gesunde Jugendliche. Dies kann sich negativ auf die schulischen Leistungen und die Lebensqualität auswirken.
DJ: Wer ist vor allem von atembezogene Schlafbeschwerden betroffen?
PD Dr. Teupe: Insbesondere übergewichtige Typ-2-Diabetiker leiden häufig auch an einer obstruktiven Schlafapnoe. Hierbei kommt es, wie schon erwähnt, zu einem wiederholten Kollaps der oberen Atemwege, gekennzeichnet durch Schnarchen und Verminderung oder Aussetzen des Atemflusses. Die Folge ist ein Abfall der Sauerstoffsättigung des Blutes, der eine Alarmreaktion des Körpers auslöst. Hierdurch kommt es zu einer Unterbrechung des erholsamen Tiefschlafes. Die fehlende Erholung kann sich in einer zum Teil erheblichen Tagesmüdigkeit äußern.
DJ: Kann ungesunder Schlaf bei Diabetikern auch Diabetes-Folgeerkrankungen negativ beeinflussen?
PD Dr. Teupe: Erholsame Nachtruhe senkt den Insulinbedarf und verbessert die Blutzuckereinstellung. Bei einer schweren Schlafapnoe kann es pro Nacht mehrere hundert Weckreaktionen des Körpers geben, bei denen Stresshormone ausgeschüttet werden. Hoher Blutdruck, Gefäßverkalkung und Herzrhythmusstörungen können die Folge sein. Herzinfarkt und Schlaganfall treten bei Patienten mit obstruktiver Schlafapnoe häufiger auf.
DJ: Gibt es weitere negative Folgen ungesunden Schlafes bei Diabetikern?
PD Dr. Teupe: Schlafstörungen sind Brandbeschleuniger des Diabetes. Ungesunder Schlaf hat negative Folgen für den Stoffwechsel und ist mit Glukose- und Insulin-Schwankungen verbunden. Studien zeigen, dass Schlafstörungen das Risiko, Übergewicht zu entwickeln, erhöhen.
DJ: Wie kann ich selbst leicht erkennen, ob ich ungesund schlafe?
PD Dr. Teupe: Menschen, die unter einem ungesunden Schaf leiden, stellen häufig fest, dass sie sich morgens nicht ausgeschlafen fühlen, mehr Kaffee brauchen oder häufiger Verspannungen und Kopfschmerzen haben. Die Erledigung alltäglicher Aufgaben ist erschwert, die Konzentrationsfähigkeit ist vermindert. Häufig besteht eine starke Einschlafneigung bei eintönigen Tätigkeiten.
DJ: Was können Diabetiker tun, um ihren Schlaf positiv zu beeinflussen?
PD Dr. Teupe: Diabetiker mit Angst vor nächtlichen Unterzuckerungen z. B. bei einer Insulintherapie sollten den Blutzucker vor dem Schlafengehen kontrollieren. Aber auch bei einem veränderten Lebensablauf (z. B. Sport am Abend oder weniger Essen) kann die Kontrolle des Blutzuckers vor dem Schlafengehen sinnvoll sein. Allgemein gilt: erst ins Bett gehen, wenn man sich müde fühlt, abendlichen Alkohol- und Koffeingenuss vermeiden, regelmäßige Schlafzeiten einhalten, lästige Lichtquellen und Lärmgeräusche beseitigen, Schlafepisoden am Tag kurz halten, intensive körperliche Aktivität kurz vor dem Schlafengehen vermeiden.
DJ: Welches ist das häufigste Missverständnis in Sachen ungesunder Schlaf?
PD Dr. Teupe: Viele Menschen glauben, dass Vollmond die Ursache für einen schlechten Schlaf sei. Schlafforscher können diesen Zusammenhang allerdings nicht belegen.
DJ: Herr Dr. Teupe, vielen Dank für das Gespräch.
Schwerpunkt „Diabetes und Schlaf“
- Erhöhtes Risiko für nächtliche Unterzuckerungen: Wie kann ich vorbeugen?
- Ursachen für Schlafstörungen: Diese Faktoren können bei Diabetes den Schlaf rauben
- Experten-Interview: Was tun bei schlechtem Schlaf durch Hypoglykämie-Angst?
Interview. Günter Nuber
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2017; 66 (9) Seite 24-25
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Aktuelles
4 Minuten
- Aus der Community
3 Minuten
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
-
stephanie-haack postete ein Update vor 4 Tagen, 13 Stunden
Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂
Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/
-
tako111 postete ein Update vor 4 Tagen, 15 Stunden
Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.
Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.
-
katrin-kraatz antwortete vor 4 Tagen, 13 Stunden
Für die Augenproblematik konnte bisher keine Kausalität gezeigt werden. Hier sind weitere Studien zu erwarten, deren Ergebnisse abzuwarten sind. Außerdem ist es ein sehr seltenes Ereignis. Details sind zum Beispiel zu finden im Deutschen Ärzteblatt unter https://www.aerzteblatt.de/themen/augenheilkunde/therapie-mit-glp-1-rezeptor-agonisten-okulaere-komplikationen-sind-selten-aber-visusbedrohend-e345aa92-a4f7-4f40-8146-b2967b577504.
Wir bemühen uns, mit unseren Beiträgen ausgewogen über die Ausgaben des Diabetes-Ankers hinweg alle Menschen mit Diabetes zu informieren – mal mehr über den einen, mal mehr über den anderen Typ und auch weitere Diabetestypen. Medikamente finden ebenfalls über die Ausgaben hinweg ausgewogen ihren Raum im Heft.
-
-
moira postete ein Update vor 2 Wochen
Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?
