Zähne in Gefahr! Was hat das mit Diabetes zu tun?

3 Minuten

© alice_photo - Fotolia
Zähne in Gefahr! Was hat das mit Diabetes zu tun?

Wie Diabetes ist auch Parodontitis (Entzündung des Zahnhalteapparats) eine chronische Erkrankung, und immer mehr Menschen sind von einer der beiden Krankheiten betroffen – oder von beiden gleichzeitig! Privatdozent Dr. Erhard Siegel informiert über Ursachen und Wechselwirkungen.

Das Ziel jeder Diabetesbehandlung ist es, langfristig eine optimale Einstellung des Blutzuckers zu erreichen – und somit den gefürchteten Langzeitfolgen eines erhöhten Blutzuckers (Hyperglykämie) vorzubeugen. Zu den schon lange bekannten Folgeerkrankungen des Diabetes gehören vor allem Schäden an den großen Gefäßen (Makroangiopathien), Schäden an den Nerven, an den Nieren und an den Augen (Neuro-, Nephro- und Retinopathie) und deren Folgen (s. folgende Tabelle).

Tab. 1: Bedeutende Komplikationen und Folge­erkrankungen des Diabetes mellitus

mikrovaskulär
(kleine Gefäße)
makrovaskulär
(große Gefäße)
oral
(im Mund)
  • Gingivitis
  • Parodontitis
  • Candidose (Infektion durch Candida-Pilze)
  • Leukoplakie (Weißschwielenkrankheit)
  • Lichen ruber planus (Knötchenflechte)
(nach Skamagas et al. 2008)

In dieser Tabelle ist auch zu sehen, wie sich der Diabetes auf die Mundgesundheit auswirkt. Am häufigsten sind Erkrankungen des Zahnhalteapparats (Parodontal-Erkrankungen), also Gingivitis (Zahnfleischentzündung) und Parodontitis (Entzündung des Zahnhalteapparats). Deshalb wird heute auch von der Parodontitis als einer weiteren wichtigen Diabetes-Folgekrankheit gesprochen. Der Zusammenhang zwischen Parodontitis und Diabetes ist wechselseitig – das bedeutet: Die Parodontitis beeinflusst auch den Blutzucker.

Schwere Parodontitis: sechsthäufigste Erkrankung weltweit

Bei Menschen mit einer Parodontitis sind die zahnhaltenden Gewebe (Parodont) entzündet. Ausgelöst wird diese Entzündung durch Bakterien aus dem Zahnbelag (Plaque). Die einsetzende Zahnfleischentzündung (Gingivitis) führt dazu, dass sich zwischen Zahnfleisch und Zahn Spalten (Taschen) bilden. Im weiteren Verlauf kommt es zum Abbau von Gewebe und schließlich zum Verlust von Kieferknochen, in dem die Zähne verankert sind (Alveolarknochen). Dies kann schließlich zum Verlust der Zähne führen.

Man rechnet in industrialisierten Ländern mit einer Parodontitis-Häufigkeit von mindestens 30 Prozent der Erwachsenen (davon 5 bis 15 Prozent mit schweren Formen). Die schwere Parodontitis ist die sechsthäufigste Erkrankung weltweit.

Die letzte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS V) zeigt bei Erwachsenen und jüngeren Senioren erfreulicherweise einen deutlichen Rückgang der mittelgradigen und schweren Parodontitis. Die erstmals erhobenen Daten bei Senioren ab 75 Jahren belegen jedoch, dass sich die parodontale Erkrankung ins höhere Lebensalter verschiebt.Insgesamt gibt es so nach wie vor in Deutschland über 11 Millionen Menschen, die parodontal schwer erkrankt sind und entsprechend behandelt werden müssen.

Eine stille Krankheit mit folgenschweren Wechselwirkungen

Besonders in ihrer schweren Form ist die Parodontitis eine ernsthafte Bedrohung nicht nur für die Mund-, sondern auch für die Allgemeingesundheit. Denn ausgehend von der großflächigen Wunde in der Zahnfleischtasche können Bakterien über die Blutgefäße in den gesamten Körper gelangen und beispielsweise Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes begünstigen oder die Blutzuckereinstellung erschweren.

Dabei kann einer Parodontitis nicht nur erfolgreich vorgebeugt, sondern sie kann sogar zum Stillstand gebracht werden, wenn sie frühzeitig erkannt und systematisch behandelt wird. Der Zustand des Zahnhalteapparats verbessert sich dann deutlich. Oft wird jedoch die Parodontitis zu spät bemerkt, weil sie selten Schmerzen verursacht. Große Teile des zahntragenden Gewebes sind dann häufig schon verloren gegangen.

So beeinflusst der Diabetes die Parodontitis

Der Stoffwechsel von Diabetikern mit einer Parodontitis ist schlechter eingestellt als der von parodontal gesunden Diabetikern. Mit Zunahme der Tiefe der Zahnfleischtaschen oder des entzündeten parodontalen Gewebes steigt bei Diabetikern auch der HbA1c-Wert an. Liegt also eine schwere Parodontitis vor, erschwert das auch die Blutzuckereinstellung.

Darüber hinaus ist bei Typ-2-Diabetikern mit schwerer Parodontitis im Vergleich mit parodontal gesunden oder parodontal leicht erkrankten Diabetikern die Sterblichkeit aufgrund einer Erkrankung der Herzkranzgefäße 2,3-fach, einer diabetischen Nierenschädigung 8,5-fach sowie durch ein Nierenversagen 3,5-fach erhöht.

Was können Hausarzt und Diabetologe tun?

Bestandteil der üblichen Routineuntersuchungen sollte bei Menschen mit Diabetes grundsätzlich auch die Kontrolle des Zahnstatus sein. Findet der Arzt Zeichen für eine Parodontitis, sollte er seinen Patienten zum Zahnarzt schicken. Diabetiker müssen umfassend über ihr erhöhtes Risiko für Parodontitis und über Möglichkeiten zur Vorbeugung und Behandlung aufgeklärt werden. Dazu gehört auch, darauf zu achten, dass der Blutzucker gut eingestellt ist.

Wie können Zahnärzte die Diabetesbehandlung unterstützen?

Mit einer Früherkennungsuntersuchung des Zahnfleischs, dem Parodontalen Screening Index (PSI), kann der Zahnarzt bereits frühe Formen der Erkrankung erkennen. Wer einmal eine Parodontitis hatte, muss nach Abschluss der aktiven Behandlung ein Leben lang sorgfältig nachbetreut werden. Dabei müssen mindestens einmal pro Jahr alle Zahnfleischtaschen nachgemessen werden.

Auch ist regelmäßig zu überprüfen, wie gut die häusliche Mundhygiene funktioniert. Selbst wenn zunächst keine Parodontitis festgestellt wird, sollten Diabetiker die jährliche zahnärztliche Kontrolluntersuchung einhalten und den PSI regelmäßig erheben lassen.

Das sind die Schlüssel zum Erfolg im Kampf gegen Parodontitis

Sowohl Diabetes als auch Parodontitis sind Erkrankungen, die über medizinische Fachgrenzen hinausgehen. Aufgrund der folgenschweren Wechselwirkungen muss die Behandlung einer Parodontitis Bestandteil des Diabetesmanagements sein, wie auch eine gute Einstellung bzw. Kontrolle der Blutzuckerwerte eine erfolgreiche Parodontitis-Therapie sichert. Gezielte Aufklärungskampagnen können helfen, die Gesundheitskompetenz im Bereich der Parodontalerkrankungen zu verbessern.

Schwerpunkt: „Diabetes und Parodontitis“


von Priv.-Doz. Dr. Erhard Siegel

Avatar von erhard-siegel

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2017; 66 (11) Seite 12-16

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Rezept für Gratinierte Sommer-Früchte
Sommer auf dem Grill: Aprikosen und Nektarinen werden mit Zitronensaft und Rosmarin aromatisiert, mit Camembert überbacken und in nur 20 Minuten servierfertig. Mit Nährwerten pro Portion eignet sich das Dessert auch für die diabetesbewusste Küche.
Rezept für Gratinierte Sommer-Früchte | Foto: MedTriX / Bernhard und Gabi Kölsch

2 Minuten

Kinderbuch-Autorin Samira Firoziboyaghchi: Diabetes stärkte sie auf ihrem Lebensweg
Samira Firoziboyaghchi wuchs im Iran auf und bekam als junge Frau Typ-1-Diabetes. Inzwischen lebt sie in Deutschland. Ihr Diabetes stärkte sie auf ihrem Lebensweg. Auch deshalb hat sie das Kinderbuch „Mira und der blaue Drache“ geschrieben, dass Kindern mit Diabetes Mut machen und Stärke geben soll.
Kinderbuch-Autorin Samira Firoziboyaghchi: Diabetes stärkte sie auf ihrem Lebensweg | Foto: privat

8 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • Hallo zusammen,
    ich möchte im Herbst auf eine Patchpump umsteigen, daher würde mich interessieren, ob jemand mit der Nano touchcare Erfahrungen machen konnte. Lieben Dank für Rückmeldungen im Voraus!

    • Hey, ja ich nutze aktuell das Medtrum Nano System also CGM + Patchpumpe. Zuvor hatte ich das Omnipod Dash (war schon sehr gut) aber das Medtrum System ist eine ganz andere Welt (im positiven) der Automodus läuft und hält die Werte größtenteils stabil. Auch die Auto Bolus Abgabe (nur auswählen Frühstück, mittag, Abendessen oder snack) Damit brauchst du bei bis bis zu 90g Kolenhydrate nicht mehr den Bolusrechner verwenden, kannst du aber bei Bedarf trotzdem jederzeit. Es hat mein Leben verändert, auch dass du wenn du möchtest eine Schnittstelle (smartphone eine App für Cgm+Pumpe) funktioniert einwandfrei. Das einzige wo man aufpassen muss, man sollte den Sensor gelegentlich kalibrieren. Der Dexcom g7 war ohne kalibrieren etwas genauer, aber die Vorteile vom Medtrum überwiegen. Ich kann’s nur empfehlen. Viel Erfolg beim Einstieg! Melde dich gerne falls du noch konkrete Fragen hast. Erfahrung in der Praxis hab icb schon einige Monate hinter mir.

    • @calvin240: Super, dass du geantwortet hast. Ich hatte vor einiger Zeit die gleiche Frage. Auch ich werde diese Pumpe ab Herbst nutzen. Bin aber absoluter Pumpenneuling. Darf ich dich bei Bedarf anschreiben? Viele Grüße aus der schönen Rhön!

    • @uho1: klar kannst du gerne machen. Wenn du Allgemein Pumpenneuling bist (jeder hat andere Anforderungen) aber aus meiner Sicht ist eine Patchpumpe also auch das Medtrum Nano die innovativste Behandlungsmöglichkeit.
      Liebe Grüße

  • Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂

    Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/

  • tako111 postete ein Update vor 3 Wochen, 2 Tagen

    Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.

    Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.

Verbände