Ernährung nach der Diagnose Typ-2-Diabetes

4 Minuten

© Kirchheim/Bernhard Kölsch
Ernährung nach der Diagnose Typ-2-Diabetes

Jeden Tag bekommen 1 600 Menschen in Deutschland die Diagnose Dia­betes mellitus. In etwa 95 % der Fälle handelt es sich dabei um Typ-2-Diabetes, der auch Lebensstil- oder Lifestyle-Diabetes genannt wird. Hört jetzt das normale Leben auf? Darf überhaupt noch etwas Süßes gegessen werden? Und was hat es mit Kohlenhydraten, Kalorien und Ballaststoffen auf sich? Wir erklären Ihnen, was beim Essen und Trinken nach dieser Diagnose wichtig ist.

Rund 8 Mio. Menschen in Deutschland haben Diabetes. Bis zum Jahr 2040 gehen Experten von einer regelrechten Diabetes-Explosion aus und rechnen damit, dass dann bereits 12 Mio. Menschen erkrankt sein werden. Bei 95 Prozent von ihnen handelt es sich um Typ-2-Diabetes. Laut Studien vergehen durchschnittlich 8 Jahre, bis die Diagnose endlich gestellt wird: Betroffene haben in der Zeit Beschwerden, die jedoch nicht auf einen Diabetes zurückgeführt werden.

Dann kommt plötzlich die Diagnose – und der Schock, gefolgt von Unsicherheit und Angst. Je besser Sie sich aufklären lassen durch Schulungen, in Selbsthilfegruppen, Patientenveranstaltungen, digitalen Praxisseminaren, Fachmagazinen wie dem Diabetes-Journal, Büchern oder Podcasts, desto besser werden Sie künftig mit dem Diabetes leben können.

Schritt für Schritt in ein neues Leben

Mit der Diagnose Typ-2-Diabetes hört das normale Leben natürlich nicht auf. Was Essen und Trinken betrifft, können Sie aktiv etwas für Ihren Blutzucker und Wohlbefinden tun: Für die meisten Menschen ist es zunächst einmal wichtig und empfehlenswert, über die Ernährung und Bewegung aktiv etwas für bessere Blutzuckerwerte zu tun. Das Spritzen von Insulin ist in der Regel jetzt noch nicht nötig, denn die Bauchspeicheldrüse produziert noch eine gewisse Menge Insulin.

Das Hormon wird gebraucht, damit Glukose (Zucker) aus dem Blut in die Zellen aufgenommen werden kann. Erst dann kann der Körper aus der Glukose Energie gewinnen, außerdem sinkt dadurch der Blutzuckerspiegel. Übergewicht und andere Faktoren führen dazu, dass der Körper nicht mehr so empfindlich auf Insulin reagieren kann und es deshalb nicht mehr optimal wirkt. Deshalb ist es sehr wichtig, gesund und langfristig Gewicht abzubauen und täglich mehr Bewegung in den Alltag zu integrieren: Beide Faktoren tragen entscheidend dazu bei, dass vorhandenes Insulin wieder besser im Körper wirken kann.

Gehen Sie das Projekt des neuen Lebensstils schrittweise an – versuchen Sie, Essen, Trinken und Bewegungspensum langsam zu ändern. Etwas grundlegend anders zu machen, ist zunächst einmal Arbeit. Es erfordert, aus der persönlichen Komfortzone auszubrechen, um neue unbekannte Wege zu gehen. Das kann beunruhigend sein …

Der Weg zu Veränderungen

Doch keine Sorge, je öfter Sie neue Ess- und Bewegungsmuster wiederholen, desto leichter werden sie zum Alltag. Im Schnitt dauert es 6 bis 8 Wochen, bis sich Routinen entwickeln. Mehr noch: Wenn Sie aktiver werden, bewusster essen und vielleicht schon etwas abgenommen haben, fühlen Sie sich besser, werden zufriedener, und viele unklare Beschwerden, die Sie noch vor der Diagnose hatten, sind verschwunden oder zumindest viel erträglicher. Allein diese Aussicht hilft Ihnen dabei, am Ball zu bleiben. Geduld, Disziplin und Durchhalten sind wichtig in dieser Zeit des Lebenswandels.

Was das Essen angeht, kann jeder im Familien- und Freundeskreis mitessen. Gesundes Essen bei Typ-2-Diabetes ist lecker und abwechslungsreich. Es gibt viel frisches Gemüse, Salat, Rohkost und frisches Obst, dazu gern Hülsenfrüchte, Vollkorngetreide, fettreduzierte Milch und Milchprodukte oder ungesüßte vegane Alternativen (mit Kalziumzusatz) und ein paar Nüsse täglich.

Essen Sie eher weißes Fleisch vom Geflügel, Seefisch und auch geräucherte Makrele oder Lachs, denn sie liefern lebenswichtige, gesunde Fette. Kurzum: Eine mediterrane oder nordische Kost bieten sich an. Dabei ist es sehr wichtig, dass Ihre Vorlieben eine Rolle spielen. Auch Ihr Lieblingsessen sollte bewusst eingeplant und ab und an dabei sein. Wer sich alles verbietet, hält nicht lange durch. Und Ihre neuen Essgewohnheiten sollen am besten auf Dauer Teil Ihres Lebens werden.

Fahrplan – Essen bei Typ-2-Diabetes

Unser Fahrplan auf der nächsten Seite hilft Ihnen dabei, nach der Diagnose des Typ-2-Diabetes besser und bewusster zu essen:

Therapieziele

  • Veränderungen an individuellen Lebensstil anpassen
  • sich bewusst machen, dass diese Teil des Lebens werden
  • Normalgewicht anstreben durch gesundes Abnehmen
  • vereinbarte Blutzuckerzielwerte erreichen
  • vereinbarten Langzeitblutzuckerwert (HbA1c) erreichen
  • ggf. erhöhten Blutdruck senken
  • Blutfettwerte im Normbereich anstreben
  • regelmäßige Alltagsbewegung nutzen wie Treppensteigen, öfter zu Fuß gehen, Gymnastik beim Fernsehen, Wartezeiten im Alltag bewusst mit kleinen Übungen wie Kniebeugen, auf einem Bein stehen o. ä. füllen
  • mindestens 7.000, besser 10.000 Schritte täglich gehen
  • optimal: 3 sportliche Einheiten zu je 30 Minuten pro Woche

Essen bei Typ-2-Diabetes

  • nicht alles auf einmal verändern, sondern schrittweise
  • individuell angepasste Kalorienmenge verzehren
  • Übergewicht nicht durch Crash-Diäten verringern
  • drei große oder sechs kleine Mahlzeiten täglich, je nach Therapie und individuellen Wünschen
  • täglich mindestens 40 bis 50 Prozent der Kalorien in Form von ballaststoffreichen Kohlenhydraten wie Hülsenfrüchten, Vollkornbrot, Vollkornprodukten
  • Fettreiches wie Sahne, Speck, Wurst, Käse und Co gegen fettreduzierte Alternativen tauschen
  • Pflanzenfette wie Margarine und Öl bevorzugen
  • zum Knabbern oder Kochen: 30 g Nüsse (ohne Gewürze) täglich
  • ballaststoffreich essen: Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Gemüse, Rohkost, Salat
  • täglich 3 Portionen Gemüse und 2 Portionen Obst, ohne Zusätze
  • für den Genuss: max. 20 bis 30 g Zucker oder zuckerhaltige Lebensmittel täglich; es geht auch komplett ohne Zucker und Co
  • mindestens 1,5 bis 2 l kalorienfreie Flüssigkeit täglich
  • Alkoholgenuss in Maßen, nach Rücksprache mit dem diabetesbehandelnden Arzt

Mahlzeitentipps

  • Müsli, Porridge oder Bowl aus Getreideflocken wie Hafer, Dinkel, Amaranth, ohne Zuckerzusatz, mit 1 Stück Frischobst und Quark, Skyr oder Naturjoghurt
  • vegetarische Eintöpfe mit Hülsenfrüchten wie Bohnen, Erbsen, Linsen
  • statt Speck und Brühwurst vegetarische oder Geflügelvarianten
  • Tiefkühlgemüse ohne Zusätze, mit gekörnter Brühe gewürzt
  • große Mengen Gemüse oder Salat, dazu kleine Mengen Fisch oder Fleisch mit Reis, Kartoffeln, Nudeln und Co
  • Vollkornbrot mit fettarmem Belag und Gemüse oder Salat
  • Milchprodukte bis 1,5 Prozent Fett, dazu frisches Obst oder ein Teelöffel kalorienreduzierte Konfitüre, Zimt, Zitronensaft, Vanille

Praxistipps für leckeres Essen

Vielleicht fragen Sie sich, was es denn künftig am besten zum Essen gibt? Mit dem Diabetes-Journal bekommen Sie jeden Monat viele Vorschläge, Tipps und Rezepte, die gut zum Diabetes passen und schmecken. Wie wäre es zum Frühstück wochentags mit einem Müsli oder einer Bowl aus Vollkorngetreideflocken: z. B. kernige Haferflocken oder Haferfleks, dazu fettarmer Naturjoghurt, Magerquark oder Skyr natur und dazu Pfirsiche, Nektarinen, Erdbeeren, Aprikosen, Äpfel oder Pflaumen in Stücken?

Am Wochenende können Sie dann z. B. Vollkornbrot oder Körnerbrötchen mit geräuchertem Lachs genießen – oder etwas zuckerreduzierter Konfitüre, fettarmer Wurst, Käse oder Veggie-Varianten, ein paar Kirschtomaten oder Radieschen. Wenn Sie Gemüse und Salat zubereiten, können Sie zum Würzen etwas gekörnte Gemüsebrühe und einen Schuss fettreduzierte Sahne (7 Prozent Fett) verwenden oder einen Teelöffel Pflanzenöl pro Portion. Hinsichtlich Fleisch empfiehlt es sich, öfter vegetarische Tage einzulegen und zweimal wöchentlich gedünsteten oder gegrillten Fisch zu essen.

Möchten Sie gesund Gewicht verlieren, kalkulieren Sie zu den Hauptmahlzeiten bei Nudeln und Reis jeweils 75 g trocken oder 150 g gekocht bzw. 2 mittelgroße Kartoffeln. Lecker und sehr ballaststoffreich sind Linsen. Rote, gelbe und schwarze Linsen sind blitzschnell weichgekocht.

Insgesamt empfiehlt es sich, ballaststoffreich zu essen. Das hilft Ihnen, beim Abnehmen besser und leichter satt zu bleiben und wirkt sich positiv auf den Blutzuckerverlauf aus. Und wenn der Hunger doch mal groß ist, bieten sich Kohlrabi an und Möhren, Kirschtomaten oder ein paar Nüsse zum Knabbern. Wichtig ist auch, dass Sie täglich 1,5 bis 2 Liter kalorienfreie Flüssigkeit trinken wie Wasser, Kräuter- und Früchtetee und bis zu vier Tassen Kaffee, schwarzen oder grünen Tee.


von Kirsten Metternich von Wolff

Kirsten Metternich von Wolff hat eine ernährungs­medizinische Ausbildung mit Zusatzqualifikation bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie als freie Journalistin, Buchautorin und Referentin. Gesunde Ernährung bei Diabetes ist einer ihrer thematischen Schwerpunkte.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2021; 70 (8) Seite 74-76

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Medikamente bei Übergewicht: „Abnehmspritzen“ und die Muskeln
„Abnehmspritzen“ werden als wirksame Hilfe gegen hartnäckige Kilos eingesetzt, auch bei Menschen mit Typ-2-Diabetes. Wie lassen sich Nebenwirkungen dieser Medikamente reduzieren und welche Rolle spielt Eiweiß?
Eine Frau macht auf einer Trainingsmatte eine Plank-Übung in einem Wohnzimmer. Neben ihr liegen rote Hanteln und eine blaue Trinkflasche.

2 Minuten

Rezept für Puten-Filets mit gebratenem Chicorée
Dieses Rezept für Putenfilets mit gebratenem Chicorée und cremigem Kürbispüree bringt Abwechslung auf den Teller. Das eiweißreiche Gericht ist in rund 50 Minuten zubereitet und enthält pro Portion nur 8 Gramm Kohlenhydrate. Ein Tipp erklärt, wie der Chicorée-Strunk mitgegessen werden kann.
Gebratene Putenfilets mit Kürbispüree und gebratenem Chicorée, mit Petersilie bestreut, in einer Schale auf einem dunklen Tisch angerichtet. Daneben liegen Besteck und kleine Schälchen mit Gewürzen.

2 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • kety22 postete ein Update vor 5 Tagen, 13 Stunden

    Hallo zusammen, ich bin eine Dia-Mama und wollte fragen, was isst ihr abends oder kocht abends für eure Dia-Kids, damit der Wert nicht so hoch steigt und dann nachts nicht in die Unterzuckerung fällt? Oder habt ihr generell irgendwelche Tipps gegen nächtliche Unterzuckerung?

    • Hallo!
      Ich habe für mich festgestellt, dass Proteine am Anfang vom Abendessen helfen (Käse, Ei…) dann steigt der Blutzucker beim Essen nicht so schnell. Außerdem geht der Zucker später noch etwas hoch wegen den Proteinen. Das hilft etwas gegen Unterzucker.
      Allerdings habe ich kaum noch Unterzucker seit ich meine Insulinpumpe habe.
      Vielleicht hilft das etwas – viel Glück

  • katrin-kraatz schrieb einen neuen Beitrag vor 1 Woche, 5 Tagen

    Diabetes-Anker-Podcast | Extra: Gürtelrose bei Diabetes – Risiken, Symptome und Vorbeugung im Überblick In dieser Podcast-Sonderfolge geht es um Gürtelrose bei Diabetes. Dr. Katrin Kraatz spricht mit Diabetologe Dr. Dietrich Tews über Risiken, Symptome u …

  • mr postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen

    Hallo kann mir jemand einen Tipp geben wie ich On Pot Gerichte mit Reis besser schätzen kann.

    • Hallo mr,

      Dein Problem, die Kohlenhydrate wie Reis in einem One-Pot-Gericht richtig einzuschätzen, vor allem wenn es für mehrere Personen gekocht ist oder Du es im Restaurant bestellst, kennen sicher viele – ich auch. Einfacher ist es, wenn Du nur für Dich kochst. Ich wiege tatsächlich, trotz mehr als 50 Jahren Diabetes, in diesem Fall vorher Reis, Nudeln oder was auch immer vorher ab. Dann weiß ich genau, wie viel es ist.

      Ansonsten heißt es: Augenmaß! Gut ist, immer wieder mal eine bestimmte Menge Reis abzuwiegen und zu kochen (mache ich so). Dann sieht man die Menge und bekommt ein besseres Gefühl für die Menge beim Schätzen. Natürlich verteilt sich gerade Reis sehr gut zwischen den anderen Zutaten, aber ob es “viel” oder “wenig” ist, kann man meist erkennen.

      Sinnvoll finde ich außerdem (und nicht nur ich), gerade bei eher schwierig einzuschätzenden Kohlenhydratmengen die Insulindosis eher zu gering anzusetzen und lieber später höhere Werte zu korrigieren oder – falls ein AID-System im Einsatz ist – dieses seinen Job machen zu lassen. Denn eine Hypo direkt nach dem Essen finde ich deutlich weniger angenehm.

      Eine Patentlösung gibt es also nicht. Vielleicht helfen Dir die Tipps trotzdem etwas?