Fasten und Diabetes: Feste Nahrung? Nein, danke! Darauf ist zu achten

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Fasten und Diabetes: Feste Nahrung? Nein, danke! Darauf ist zu achten

Jeweils zu Jahresbeginn, zwischen Aschermittwoch und Gründonnerstag, eine Woche im Jahr oder zu einem anderen festgelegten Zeitraum: In vielen Situationen oder aus religiösen Beweggründen fasten Menschen überall auf der Welt. Wie lässt sich Fasten mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes praktizieren? Diabetesberaterin Juliane Steffan vom Diabetes Zentrum Mergentheim erklärt, worauf Menschen mit Diabetes, die fasten möchten, achten sollten.

Ob aus religiösen oder sonstigen Gründen: Fasten gehört in vielen Kulturen für die Menschen im Lauf des Jahres einfach dazu. Wer völlig auf Nahrung verzichtet, erlebt Ähnliches wie Tiere im Winterschlaf: Der Körper gelangt in den Hungerstoffwechsel. Ohne energiehaltigen Nachschub greift er nun auf seine Reserven zurück. Zu Beginn nutzt er die Glukosevorräte, die in Leber und Muskulatur in Form von Glykogen gespeichert sind.

Allerdings sind diese Vorräte schnell erschöpft. Bei länger anhaltenden Hungerphasen werden Fette und Proteine abgebaut und in Energie umgewandelt. Werden zu wenige Kalorien aufgenommen, beginnt der Körper also, seine Energiereserven zu mobilisieren. Je weniger Energie über Nahrung und Getränke zugeführt wird, desto mehr Energievorräte werden abgebaut.

Heilfasten

(Beispiele: Heilfasten nach Buchinger, Heilfasten nach Lützner, Nulldiät, Fasten mit Brühe)

  • Ziel: Eine Gewichtsreduktion steht nicht im Fokus, sondern es sind eher gesundheitliche Aspekte wie Besinnung und/oder körperlicher „Frühjahrsputz“.
  • Beginn: Entlastungstag (Reistag, Gemüsetag), gefolgt von Fastentagen, die mit einer Darmreinigung starten
  • Dauer: 5 – 7 Tage (Anfänger), 10 – 14 Tage (Fortgeschrittene)
  • Während der Fastentage sind Tee, Wasser und eventuell auch Säfte und Gemüsebrühe erlaubt. Pro Tag beschränkt sich die Energie­zufuhr jedoch auf 250 bis höchstens 500 Kilokalorien.
  • Ende mit 2 – 3 Aufbautagen: Nach den Fastentagen wird mit einer leichten Vollkost gestartet, um den Organismus wieder an feste Speisen mit Eiweißen, Fetten und Kohlen­hydraten zu gewöhnen.

Des Weiteren bilden sich in der Leber bei einem Glukosemangel und dadurch bedingten Insulinmangel Ketonkörper. Warum ist das so? Durch Hungerzustände ist der Abbau von Fett (Lipolyse) erhöht. Dabei entstehen freie Fettsäuren, was die Bildung von Ketonkörpern (Ketogenese) begünstigt. Dieser Stoffwechselvorgang tritt genau so auch bei einem Typ-1-Diabetes mit absolutem Insulinmangel auf und endet in einer gefährlichen Ketoazidose, wenn kein Insulin von außen zugeführt wird. Läuft der Fettabbau auf Hochtouren, ist die Insulinwirksamkeit reduziert.

Über längere Zeit komplett auf eine Energiezufuhr von außen zu verzichten, ist deshalb normalerweise nicht vernünftig. Ebenso ist es keine sinnvolle Maßnahme für Menschen, die dauerhaft Gewicht verlieren möchten. Anders verhält es sich beim Intervallfasten (siehe Übersicht S. 22), das unbegrenzt lange praktiziert werden kann. Doch welchen Effekt hat Fasten auf den Körper? Und was müssen Menschen mit Diabetes beachten, die fasten?

Intervallfasten
  • Ziel: Beim Intervallfasten geht es um eine Ernährungsweise, die auf Dauer beibehalten wird. Ziel ist es, weniger Energie (Kalorien) aufzunehmen als zuvor, um das Körpergewicht zu reduzieren oder zu halten.

Intervallfasten bedeutet, dass über bestimmte Zeitabschnitte gefastet wird. Es gibt unterschiedliche Vorgehensweisen:

  • 5:2-Diät: An 2 Tagen wird gefastet, an den restlichen 5 Tagen darf normal gegessen werden.
  • 16:8-Diät: Nach einer 16-stündigen Hungerphase darf innerhalb der nächsten 8 Stunden Nahrung aufgenommen werden. Dies ist an jedem Tag der Woche möglich.
  • 2-Tage-Diät: An zwei aufeinanderfolgenden Tagen sollen jeweils lediglich 650 kcal aufgenommen werden. An den restlichen Tagen wird eine mediterrane Kost empfohlen.
  • Eat-stop-eat: An 1 – 2 Tagen pro Woche wird für 24 Stunden gefastet.
  • Dinner-Cancelling: Auf das Abendessen wird an 2 – 3 Tagen pro Woche verzichtet.

Setzt man auf eine Nulldiät, also das Fasten, kommt es sowohl auf den Diabetestyp als auch auf die jeweilige Therapie an. Generell sollte nur unter medizinischer Begleitung beziehungsweise mit Absprachen gefastet werden.

Fasten mit Typ-2-Diabetes

Für Menschen mit einem Typ-2-Diabetes ohne medikamentöse Behandlung sowie ohne Insulintherapie gelten keine Besonderheiten. Bei oralen Antidiabetika kommt es auf den Wirkmechanismus der Präparate an: Orale Antidiabetika, die die Insulinproduktion mahlzeitenbedingt anregen oder zu den Mahlzeiten eingenommen werden, werden abgesetzt. Alle anderen Antidiabetika werden wie gewohnt eingenommen. Eine Insulintherapie mit Basalinsulin wird erst einmal beibehalten.

Treten allerdings im Lauf der Zeit häufiger Unterzuckerungen auf, muss die Insulindosis reduziert werden. Kurzwirksame Analoginsuline oder auch Normalinsuline werden pausiert beziehungsweise nur noch zur Korrektur erhöhter Blutzuckerwerte eingesetzt. Eine Therapie mit Mischinsulin muss gemeinsam mit dem Arzt abgeändert und angepasst werden.

Leberfasten entlastet die Leber

Menschen mit Typ-2-Diabetes, die zudem an einer Fettleber leiden, kann das Leberfasten helfen. Beim Leberfasten werden für zwei Wochen die drei Hauptmahlzeiten des Tages gegen spezielle Shakes ausgetauscht. Gemüse ist zusätzlich erlaubt. Diese Art der Formula-Diät hat eine spezielle Zusammensetzung mit einem hohen Anteil an Ballaststoffen wie Inulin und Beta-Glucan, die beide der Insulinresistenz entgegenwirken. Vergleichbar ist das mit den klassischen Hafertagen.

Das Ziel ist es, die Körperzellen insulinempfindlicher zu machen und dann die Dosis des von außen zugeführten Insulins reduzieren zu können. Weiterhin enthalten solche Shakes essenzielle Aminosäuren sowie Vitamine und Mineralstoffe. Diese Art des Fastens können auch Typ-1-Diabetiker mit Insulinresistenz (mehr als eine Insulineinheit pro Kilogramm Normalgewicht) praktizieren, um die Insulinmenge zu mindern.

Insulinmengen beim Intervallfasten

Beim Intervallfasten gibt es verschiedene Strategien. Auch hier ist bei Menschen mit Diabetes, die weder Diabetesmedikamente noch Insulin nutzen, nichts weiter zu beachten. Die Therapie mit oralen Antidiabetika sollte den Mahlzeiten entsprechend angepasst werden. Konkret heißt das, dass sich der Einnahmezeitpunkt verschiebt, wenn orale Antidiabetika abhängig von den Mahlzeiten eingenommen werden.

Bei einer intensivierten Insulintherapie (ICT) bleibt das Basalinsulin regulär bestehen, das kurzwirksame Analog- oder Normalinsulin wird nur zu den Mahlzeiten bzw. zur Regulierung erhöhter Blutzuckerwerte injiziert. Reduziert sich bei dieser Ernährungsweise das Körpergewicht, ist es wahrscheinlich auch möglich, die Insulindosis zu verringern.

Fasten bei Typ-1-Diabetes

Da beim Typ-1-Diabetes ein absoluter Insulinmangel besteht, ist auch, wenn gefastet wird (völlige Nahrungskarenz), das Basalinsulin bei der ICT oder die Basalrate bei einer Insulinpumpentherapie (CSII) unbedingt notwendig. Stimmt die Grundversorgung mit Insulin, sollte der Blutzucker zunächst stabil laufen. Doch da viele weitere Faktoren den Blutzucker beeinflussen, können sowohl zu niedrige als auch zu hohe Werte entstehen, die ausgeglichen werden müssen.

Es muss auch beachtet werden, dass durch den Hungerstoffwechsel, der sich durch das Fasten entwickelt, der Insulinbedarf erhöht ist. Es sind mehr freie Fettsäuren im Körper vorhanden, die die Insulinresistenz begünstigen und die Gefahr einer Ketoazidose erhöhen könnten. Deshalb ist eine Nulldiät bei Typ-1-Diabetes wenig empfehlenswert und sollte auf jeden Fall mit dem Arzt vorher besprochen werden.

Wer abnimmt, muss die Insulindosis anpassen

Wer sich für das Intervallfasten entscheidet, wird die Insulin-Grundversorgung beibehalten. Essen ist zwar erlaubt, jedoch ist es gegebenenfalls nötig, nach einer Phase des Fastens die Kohlenhydrat-Faktoren bzw. die Mahlzeiten-Insulinmenge neu auszutesten. Der reguläre Kohlenhydrat-Faktor für das Mittagessen, der gilt, wenn man morgens gefrühstückt hat, ist möglicherweise zu niedrig. Grund dafür ist ebenfalls der Hungerstoffwechsel. Ähnliches sieht man auch nach einem Basalratentest am Morgen.

Elementar dafür, dass der Glukosegehalt bei einer ausgelassenen Mahlzeit stabil bleibt, ist eine stimmige Basalversorgung. Immer, wenn eine Ernährungsumstellung mit einer Gewichtsreduktion einhergeht, muss der Insulinbedarf entsprechend angepasst werden.

Fasten im Ramadan – eine Sonderform

Der Fastenmonat, der sich am islamischen Mondkalender orientiert, begann dieses Jahr am 5. Mai und endet am 4. Juni. Gefastet wird täglich von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. In dieser Zeit wird komplett auf feste Nahrung und Getränke verzichtet. Alle Muslime, die körperlich und geistig gesund sind, werden angehalten, dies umzusetzen.

Davon ausgenommen sind Kinder, schwangere und stillende Frauen, physisch oder psychisch Kranke sowie alte und schwache Menschen. Auch Frauen während ihrer Menstruation oder nach einer Geburt können die Fastentage verschieben. Dennoch fasten laut CREED-Studie rund 64 Prozent aller Muslime mit einem diagnostizierten Typ-2-Diabetes den kompletten Monat.

Vor dem Fasten mit dem Arzt sprechen

Deshalb wurden im April 2016 speziell zu diesem Thema von der Internationalen Diabetes-­Föderation (IDF) entsprechende Leitlinien veröffentlicht, zu finden im Internet unter www.idf.org, dort unter E-Library und Guidelines (auf Englisch). Folgen des Ramadan-Fastens können Unter- und Überzuckerungen und auch eine Dehydratation (Austrocknung des Körpers) sein, die das Thromboserisiko erhöht.

Deshalb sollten bestimmte Menschen mit Typ-2-Diabetes besser auf das Fasten während des Ramadans verzichten – z. B. Menschen,

  • die innerhalb des letzten Vierteljahres eine Entgleisung oder schwere Unterzuckerung hatten,
  • die unbefriedigend eingestellt sind,
  • die an einer Wahrnehmungsstörung für Unterzuckerungen leiden,
  • die unter Begleiterkrankungen im fortgeschrittenen Stadium leiden.

Muslime, die während des Ramadans fasten möchten, sollten sich mit Arzt und Diabetesberaterin absprechen. Der Einnahmezeitpunkt für orale Antidiabetika kann sich verschieben, weil erst nach Sonnenuntergang wieder etwas gegessen wird. Bei einer Insulintherapie muss das Mahlzeiteninsulin angepasst werden. Durch die lange Fastenperiode ist es möglich, dass die erste Mahlzeit nach Sonnenuntergang (Iftār) mit mehr Insulin abgedeckt werden muss, da der Hungerstoffwechsel die Insulinresistenz begünstigt (Abb. 1).

Die letzte Mahlzeit vor Sonnenaufgang (Sahūr) sollte dagegen vorsichtiger mit Insulin abgedeckt werden. Das Basalinsulin wird beibehalten. Geht das Fasten mit einer Gewichtsabnahme einher, wird meist auch die Insulinmenge reduziert. Deshalb müssen die Zuckerwerte häufiger bestimmt werden (Abb. 2); außerdem ist die Rücksprache mit dem Diabetesteam wichtig. Nur so können individuelle Blutzuckerschwankungen mit der Anpassung der Insulintherapie ausgeglichen werden.


von Diabetesberaterin Juliane Ehrmann

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (6) Seite 18-24

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  • thomas55 postete ein Update vor 1 Woche

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 3 Wochen, 1 Tag

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

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