Ketogen essen – wie geht das?

4 Minuten

© Sewcream - iStockphoto
Ketogen essen – wie geht das?

Mehrere Wochen ketogene Ernährung: Lena Schuster hat den Selbstversuch gewagt. Zwischen weniger Insulin-Spritzen, stabileren Glukosewerten und dem Traum von mehr Freiheit erlebt sie Lichtblicke – und Grenzen, die den Alltag erschweren.

Vor einigen Jahren kam ich auf die Idee, die ketogene Ernährung auszuprobieren. Im Internet gab es Berichte von Menschen mit Diabetes, die gute Erfahrungen damit gemacht haben. Sie brauchten weniger Insulin und fühlten sich insgesamt fitter. Klang gut und so wollte ich das auch am eigenen Leib erfahren.

So wenig Insulin wie möglich, stabilere Glukoseverläufe und dazu positive Effekte wie, fitter durch den Alltag zu kommen, – ausschlaggebende Argumente für mich als Typ-1-Diabetikerin, ketogenes Essen einfach einmal auszuprobieren. Welcher Mensch mit Diabetes träumt nicht davon, einfach nach Lust und Laune zu essen, ohne dafür spritzen zu müssen? Mal nicht auf den Glukosewert zu achten und irgendwo hineinzubeißen?

Das ist für einen Großteil der Gesellschaft normaler Alltag, bei Typ-1-Diabetes leider nicht. Und diese versteckten Träume brachten mich dazu, mich an die ketogene Ernährung zu wagen. Denn wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Vorher genau informieren

Der Start in diese Ernährungsform ist nicht einfach so möglich. Es ist wichtig, sich mit den Bestandteilen der Lebensmittel auseinanderzusetzen. Schließlich sind bei dieser Form des Essens maximal 20 Gramm Kohlenhydrate am Tag erlaubt, zumindest bei der Variante, die ich gewählt hatte. Eine Scheibe Brot überschreitet bereits diese Grenze. Stellt sich die Frage: Was gibt es denn jetzt zu essen? Was ist möglich, was nicht? Das sind zentrale Fragen, die ich mir anfänglich stellte.

Zudem muss man wissen, dass die ketogene Ernährung aus etwa 6 bis 8 Prozent Eiweiß und knapp 90 Prozent Fett besteht. Diese Zahlen machen bereits deutlich, dass es zumindest zu Beginn der Umstellung ratsam ist, Unterstützung hinzuzuziehen, ggf. digital.

Einfach hineinzubeißen, ohne nachzudenken, blieb ein Traum

Tag 1 bestand demnach daraus, erst einmal eine Liste zu erstellen. Darin waren die Bestandteile Fett, Eiweiß, Kohlenhydrate und Kalorien pro Lebensmittel notiert. Danach rechnete ich mir aus, welche Nahrungsmittel in welcher Kombination und Menge ich nun essen kann. Wenn ich heute daran zurückdenke, dann kann ich mir nur noch fassungslos an den Kopf greifen.

Der Traum davon, einfach irgendwo hineinzubeißen, blieb leider ein Traum. Bevor ich etwas essen wollte, musste ich das Nahrungsmittel abwiegen, an den Computer gehen und mir ausrechnen, ob dort nun zu viele Kohlenhydrate enthalten sind. Spontanität gibt es bei dieser Ernährungsform nicht. Und das ist etwas, das mir am meisten fehlt im Umgang mit der Erkrankung Diabetes.

Zudem ist diese Ernährungsform aus meiner Sicht überhaupt nicht alltagstauglich. Sich mit Freunden in ein Café oder in ein Restaurant zu setzen, macht hier leider keinen Spaß. Schließlich ist normaler Kuchen tabu, beim Hauptgericht heißt es Fleisch mit Soße und Gemüse, aber bitte die leckeren Spätzle abbestellen. Und Nachtisch ist generell verboten.

Meine besten Glukosewerte

Allerdings hätte ich diese Ernährungsform nicht mehrere Wochen durchgeführt, wenn es nichts Positives zu berichten gäbe. Bereits am ersten Tag konnte ich meinen Insulinbedarf drastisch reduzieren. Sehr zögerlich und unsicher spritzte ich nur das Langzeit-Insulin und verzichtete auf das schnelle Mahlzeiten-Insulin. Damit sparte ich mir an einem Tag mindestens dreimal das Spritzen. Dieser Teil der Umstellung war zu diesem Zeitpunkt ein wahr gewordener Traum für mich. Nur morgens und abends jeweils eine Spritze geben und den Rest des Tags befreit sein davon – auch heute noch denke ich an dieses Glücksgefühl zurück.

Und ich hatte die besten Glukosewerte während all der Jahre, in denen ich Diabetikerin bin. Wie zu Beginn erwähnt, bringt diese Ernährungsform noch weitere positive Aspekte mit sich. Ich war in den Vorlesungen konzentrierter und fiel nach dem Mittagessen nicht wie sonst in ein Mittagstief.

Da ich die ketogene Ernährung nach etwa fünf bis sechs Wochen abbrach, ist naheliegend, dass die Situation irgendwann stark gekippt war. Der Körper stellte sich auf die veränderte Energiezufuhr um. Nach mehreren Wochen wirkte die übliche Insulinrate kaum noch. Zunächst erhöhte ich die Dosis des Langzeit-Insulins, um die Glukosewerte senken zu können – leider mit wenig Erfolg. Ich begann, wieder schnelles Insulin zu spritzen. Und damit war einer der Vorteile der Umstellung nicht mehr vorhanden: der Verzicht auf das Spritzen zu den Mahlzeiten. Jedoch merkte ich auch beim schnellen Insulin, dass es nicht die gleichstarke Wirkung wie vor der Ernährungsumstellung hatte. Ich spritzte immer mehr Insulin und es passierte nichts.

Auf einmal erlebte ich eine schlechtere Insulinwirkung

Die entscheidenden Gründe, die andere Ernährungsform auszuprobieren, waren ein verbesserter Glukoseverlauf und eine Reduktion der Spritz-Frequenz. Diese Argumente waren nun nichtig. Des Weiteren ängstigte mich die schlechte Insulinwirkung. Schließlich bin ich darauf angewiesen, dass mein Körper Insulin gut aufnehmen und verarbeiten kann. Daher beendete ich die ketogene Diät.

Der erste Tag der Umstellung zurück zur bisherigen Ernährungsweise brachte extrem hohe Glukosewerte mit sich. Das hatte ich erwartet, denn nun hatte ich wieder wie üblich einiges an Kohlenhydraten gegessen. Insgeheim hatte ich die Sorge, dass das Insulin auch nach Ende der ketogenen Ernährung weiter schlecht bis kaum wirken würde. Das war zum Glück nicht der Fall. Nach ein paar Tagen kehrte die gewohnte Insulinwirkung zurück.

Ein lachendes und ein weinendes Auge

Zurückblickend kann ich dem Ganzen nicht nur Negatives abgewinnen. Ich bin froh, dass ich die Umstellung wagte. So konnte ich für mich und meinen Körper herausfinden, dass eine ketogene Ernährung mir nicht guttut. Die Vorstellung von einem ähnlichen Glukoseverlauf wie bei einem Menschen ohne Diabetes in Kombination mit weniger Spritzen blieb ein schöner Traum.

In all diesen Wochen setzte ich mich sehr viel mit dem Thema Ernährung auseinander und probierte eine Menge neuer Rezepte. Von diesem Wissen profitiere ich noch heute. Ich esse immer mal wieder eine Kohlenhydrat-reduzierte Mahlzeit, ohne die Bestandteile der Lebensmittel in einer Liste nachzusehen. Und mir ist noch klarer geworden: Einfach mal im Café ein Stück Kuchen zu essen, bedeutet für mich einen Moment des Glücks, den ich in meinem Leben nicht missen möchte.


von Lena Schuster

Avatar von lena-schuster

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2023; 72 (3) Seite 21-22

 

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Vegan, Low Fat, Low Carb und Co: Was steckt hinter den Ernährungstrends
Lecker, gesund und abwechslungsreich zu essen, gehört zu den zentralen Bausteinen einer Basistherapie bei Typ-2-Diabetes, neben gesunden Lebensstil-Faktoren, wie, sich aktiv zu bewegen, nicht zu rauchen und Stress vorzubeugen. Besonders zum Essen und Trinken gibt es unzählige Empfehlungen. Was ist sinnvoll und bietet sich bei Diabetes an?

4 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • thomas55 postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 2 Wochen, 3 Tagen

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 1 Monat

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

    Wer ist am Start?

    ( 4 von 6 )
    66.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%