Wenn Zahlen und Daten stressen: Diabetes zwischen Vorgaben und Lebensqualität

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Wenn Zahlen und Daten stressen: Diabetes zwischen Vorgaben und Lebensqualität | Foto: Mediaphotos – stock.adobe.com
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Wenn Zahlen und Daten stressen: Diabetes zwischen Vorgaben und Lebensqualität

Die Diabetologie gilt als Daten-getrieben und ist voll von Abkürzungen und Zahlen, die eine Einschätzung der eigenen Glukose-Situation erlauben. Diese Zahlen und Maße geben eine wichtige Orientierung und befähigen Menschen mit Diabetes, selbst ihre Therapie zu beurteilen. Doch was passiert, wenn das eigene Urteil zu hart ausfällt und die Lebensqualität einschränkt?

Lange Zeit galt der HbA1c-Wert als das Maß der Dinge, wenn es um die Beurteilung der Glukose-Situation von Menschen mit Diabetes ging. Mittlerweile haben wir dafür ein paar Buchstaben mehr, z.B.: TIR, TBR, TAR, GMI, CV.

Neue Parameter bei Diabetes

  • TIR: Zeit im Zielbereich (Englisch: Time in Range) Anteil der Glukosewerte zwischen 70 und 180 mg/dl bzw. 3,9 und 10,0 mmol/l
  • TBR: Zeit unterhalb des Zielbereichs (Englisch: Time below Range) Anteil der Glukosewerte unter 70 mg/dl bzw. 3,9 mmol/l
  • TAR: Zeit oberhalb des Zielbereichs (Englisch: Time above Range) Anteil der Glukosewerte über 180 mg/dl bzw. 10,0 mmol/l
  • GMI: Glukose-Management- Indikator ein aus vielen Glukosewerten berechnetes Maß, das vergleichbar wie der HbA1c-Wert interpretiert werden kann
  • CV: Schwankungs-Koeffizient (Englisch: Coefficient of Variation) Maß, wie stark die Glukosewerte schwanken

Unmittelbare Rückmeldung

Diese Maße wurden durch das kontinuierliche Glukose-Messen (CGM) möglich und erlauben eine sehr differenzierte Beurteilung der Glukose-Situation – viel genauer als mit dem HbA1c-Wert. Diese Maße sind enorm hilfreich und ermöglichen Menschen mit Diabetes ein Einschätzen der eigenen Therapie. Musste man früher auf das Ergebnis der Kontrolle des HbA1c-Werts warten, hat man mit CGM eine unmittelbare Rückmeldung der eigenen Therapie. Das kann enorm motivierend sein.

Für diese „neuen“ Maße wurden auch Ziele definiert, z.B. sollten mehr als 70 Prozent der Glukosewerte im Zielbereich liegen. Mit modernen Therapien sind solche Ziele mittlerweile auch sehr gut erreichbar.

Zahlen sind ständig präsent

Was medizinisch klar ein Fortschritt ist, kann psychisch neue Herausforderungen bringen: Zahlen werden ständig präsent – und damit auch der Anspruch, die Werte perfekt im Zielbereich zu halten. Ein übermäßiges Fixieren auf diese Zahlen kann dazu führen, dass eine TIR von 70 Prozent nicht mehr ausreicht und Werte um 80, 85 oder sogar nahezu 100 Prozent zum persönlichen Maßstab werden.

Solange dies mit dem persönlichen Alltag in Einklang zu bringen ist und keine Einschränkungen erlebt werden, gibt es auch nichts dagegen einzuwenden. Hier beginnt jedoch häufig ein Spannungsfeld zwischen medizinischem Ziel und Wirklichkeit.

Untersuchungen zeigen, dass vor allem Glukose-Schwankungen – oder die Interpretation von Schwankungen – ein Hauptbelastungsfaktor sein können. Nicht wenige Menschen mit Diabetes berichten von Stress, Frustration oder gar Schuldgefühlen, wenn Kurven „wie eine Achterbahn“ aussehen – selbst, wenn sich die Werte im akzeptablen Bereich bewegen.

Psychisch spielen dabei mehrere Faktoren eine Rolle. Erstens kann die permanente Sichtbarkeit der Daten die Aufmerksamkeit für jedes Detail erhöhen. Zweitens fördern Zahlen Vergleich und Bewertung: mit Leitlinien, ärztlichen Rückmeldungen, anderen Betroffenen – oder dem eigenen Anspruch. Drittens kann durch moderne Technologien leicht die Erwartung entstehen, die Technik müsse „alles regeln“. Wenn dennoch Schwankungen auftreten, kann das Gefühl entstehen, die Kontrolle zu verlieren.

Zahlen bei Diabetes

  1. Neben dem HbA1c gibt es inzwischen auch z.B. TIR, TBR, TAR, GMI und CV.
  2. Die ständige Präsenz der Daten und ihre Bewertung durch Vergleich mit Vorgaben und anderen Betroffenen kann Stress auslösen.
  3. Zahlen sind eine wichtige Orientierung – aber sie sind nicht das Maß für den eigenen Wert.

Eigene Bewertung ist entscheidend

Hinzu kommt: Nicht allein die objektive Situation entscheidet über Belastung, sondern ihre Bewertung. Wer einen Wert von 199 mg/dl bzw. 11,1 mmol/l als „Katastrophe“ interpretiert, erlebt mehr Stress als jemand, der ihn als vorübergehende Schwankung einordnet. Für Menschen mit Diabetes ist häufig die subjektive Interpretation der Glukosewerte entscheidender für das Erleben von Belastungen, als es die objektiv gemessenen Glukosewerte sind.

Ein Fixieren auf die verschiedenen Maße des Diabetes kann somit zu normnäheren Werten, aber auch zu mehr Belastungen führen. Auch das Verschieben des Anspruchs-Niveaus kann zweischneidig sein: Wird ein Ziel erreicht, wie eine TIR von 70 Prozent, kann das Setzen eines neuen Ziels, z.B. TIR 75 Prozent, enorm motivierend sein und mit Erfolgs-Erlebnissen einhergehen. Man sollte sich jedoch immer fragen, ob man durch höhere Ziele ein Stück an Spontaneität, Flexibilität oder gar Lebensqualität aufgibt.

Perfektion kann Stress erhöhen

Aus psychologischer Sicht ist es daher hilfreich, zwischen Zielorientierung und Perfektionismus zu unterscheiden. Zielorientierung bedeutet, sich an medizinischen Empfehlungen zu orientieren und realistische Verbesserungen anzustreben. Perfektionismus zeichnet sich durch starre, überhöhte Maßstäbe und starke Selbstkritik bei Abweichungen aus. Perfektionistische Tendenzen gehen mit höherer Diabetes-bezogener Belastung einher.

Ein konstruktiver Umgang mit Glukosedaten beginnt daher bei der Einordnung: Glukose-Schwankungen gehören in bestimmtem Ausmaß zum Leben dazu. Für das Beurteilen der Therapie sind mehrere Faktoren entscheidend, nicht nur ein einzelner Wert, nicht nur die TIR, sondern z.B. auch die TBR, das Verhindern schwerer Hypoglykämien oder das subjektive Wohlbefinden. Hilfreich kann zudem sein, den Blick wieder stärker auf Trends statt auf Einzelwerte zu richten und nicht jede Kurve unmittelbar zu bewerten.

Langfristig geht es um eine Balance zwischen Optimierung und psychischer Gesundheit. Denn Zahlen sind eine wichtige Orientierung – aber sie sind nicht das Maß für den eigenen Wert.

Weitere Informationen im Podcast

Wie Zahlen und andere Faktoren im Diabetes-Management die Psyche beeinflussen, erläutert Psychodiabetologin Susanne Baulig im Diabetes-Anker-Podcast.


von Prof. Dr. Dominic Ehrmann

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Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (4) Seite 52-53

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