DIALETiCS: Vision, die bewegt

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DIALETiCS: Vision, die bewegt

In Ivo Rettigs Leben dreht sich alles um Bewegung. Er liebt Sport und auch als Start-up-Gründer gibt es für ihn nur eine Richtung: Vorwärts! Nicht zu lange überlegen, sondern machen. Ausprobieren, anpassen und besser werden. So kommt man weiter – egal, ob sportlich, als Unternehmer oder beim Diabetes-Management. Genau diese Idee lebt auch in seinem Unternehmen DIALETiCS. Das Ziel: Menschen mit Diabetes und Fachpersonal wieder mehr Zeit für das Wesentliche schenken.

Kannst Du Dir vorstellen, was Menschen dazu antreibt, etwas Außergewöhnliches zu erreichen?”, fragt Ivo Rettig. Während der junge Mann durch die Kamera zu den Zuschauenden spricht, ist sein Blick fokussiert und freundlich, seine Haltung aufrecht und fest, die Gesten offen und zugewandt. “Die meisten von ihnen haben eine Vision von sich selbst, eine Vorstellung, wie sie sein möchten, was sie erreichen oder wie sie ihr Leben gestalten wollen”, fährt er fort. Auch Ivo Rettig hat so eine Vision. Mit seinem Start-up DIALETiCS und Online-Kursen, wie diesem zum Thema Diabetes und Sport, möchte er dazu beitragen, die Gesundheitsversorgung in Deutschland für Menschen mit Diabetes zu verbessern.

Steckbrief von Ivo Rettig
Foto: privat

Vision: Netflix der Diabetologie

Im Alter von 13 Jahren erhielt Ivo Rettig die Diagnose Typ-1-Diabetes. “Ich war gerade dabei, die Welt zu entdecken. Plötzlich hieß es, dass ich viele Dinge nicht mehr tun darf. Das habe ich als starke Einschränkung meiner Freiheit wahrgenommen”, erzählt er im Interview. Mit der Diagnose krempele sich das gesamte Leben um. Alles, wie man es bisher gekannt habe, müsse man anpassen. Den Diabetes bei allem, was man tue, zu berücksichtigen, sei eine Mammut-Aufgabe und führe dazu, dass man in den ersten Wochen und Monaten überfordert sei, berichtet er. “Nur ein Bruchteil der Informationen, die man anfangs in Schulungen lernt, bleibt überhaupt hängen.”

Seine Vision: Auf DIALETiCS sollen Menschen mit Diabetes künftig das aktuellste Wissen und die Fähigkeiten lernen, die sie benötigen, um langfristig gesund, glücklich und frei mit ihrem Diabetes leben zu können. Neben kostenlosen Video-Kursen, aktuell zu den Themen Sport und Reisen – auch persönlich die beiden größten Leidenschaften von Ivo Rettig –, findet man auf der Online-Lern-Plattform auch Aufzeichnungen von Diabetes-Events wie dem t1day oder Video-Interviews mit Menschen aus den verschiedensten Bereichen, die ihr Leben mit dem Diabetes erfolgreich gestalten.

Die Plattform soll als Anlaufstelle für Menschen mit Typ-1-Diabetes dienen, auf der sie das Diabetes-Management aus einer praktischen Perspektive lernen können. Aktuell arbeiten Rettig und sein Team dafür an weiteren Kursen und Tools, die Menschen mit Diabetes den Alltag erleichtern sollen. Auch für Menschen mit Typ-2-Diabetes möchten sie das Angebot künftig ausweiten. “Unser Ziel ist es, das Netflix der Diabetologie zu werden”, sagt Ivo Rettig. Alle Inhalte seien wissenschaftlich geprüft von ihrem wissenschaftlichen Beirat Prof. Dr. Thomas Haak.

Berliner Start-up-Mentalität

Zu Hause ist das Unternehmen in Berlin. Hier ist die Start-up-Dichte hoch, junge Talente tummeln sich, es gibt gute Vernetzungs-Möglichkeiten und Fördergelder, aber auch Konkurrenzkampf um das alles. “Ich mag so was, denn es treibt einen an, besser zu werden”, sagt Ivo Rettig. Um die Vision von DIALETiCS zu verwirklichen, wurde das Unternehmen kürzlich in das Förderprogramm der Beuth Hochschule für Technik aufgenommen. Das verschafft dem Team unter anderem die Möglichkeit, regelmäßig in einem Co-Working-Space zusammenzukommen.

Bis vor einem Jahr kümmerte sich Ivo Rettig noch um alles selbst. Vieles geschah aus der eigenen Wohnung heraus. Inzwischen besteht DIALETiCS aus vier weiteren Köpfen, die ihm bei Themen wie Online-Marketing, Programmierung, Social Media oder redaktionell unterstützen. Nach wie vor mischt er aber überall mit, von der Strategie- bis zur Produkt-Entwicklung: Er entwirft Kurse, überlegt sich Marketing-Konzepte, baut an der Website, führt Interviews, schreibt Texte, hält Vorträge oder macht Buchhaltung.

“Man muss vielseitig und flexibel sein. Dinge, die man plant, muss man für Wichtigeres über den Haufen werfen. Es gehört sehr viel Zeit-Management dazu und die Fähigkeit, den Fokus aufrechtzuerhalten und zu priorisieren,” schildert er den Start-up-Alltag. Nicht selten ende ein Tag erst um 22 Uhr. Auch an Wochenenden arbeite er oder auf Zugfahrten. Ein Nine-to-five-Job wäre ihm zu langweilig. “Ich arbeite gern. Meine Ideen Realität werden zu lassen und damit etwas in der Welt zu bewirken, macht mir Freude und treibt mich an”, sagt er.

In Chancen und Möglichkeiten denken

Mit Anfang 30 kann Ivo Rettig bereits auf führende Rollen im Account-Management und in der Organisations-Entwicklung zurückblicken. “In meinem letzten Job habe ich mir Expertise erarbeitet und einen Status erreicht, der für mein Alter hervorragend war”, berichtet er. Für sein “Herzensprojekt” wagt er dennoch den Schritt in die Selbstständigkeit. Das sei aber keine Hals-über-Kopf-Entscheidung gewesen, die Idee hinter DIALETiCS sei vielmehr das Ergebnis eines langen Prozesses.

Schon vor zehn Jahren gründete Ivo Rettig mal ein Start-up, das er jedoch nach drei Jahren auflöste. Er beschloss, zunächst möglichst viele Erfahrungen zu sammeln und zu lernen, wie Unternehmen und insbesondere Start-ups von innen funktionieren. Wie baut man ein Team auf, das nach Wachstum strebt? Was brauchen erfolgreiche Unternehmen im Bereich E-Learning? Wie entwickelt man gute Online-Kurse? Welche unterschiedlichen didaktischen Ansätze gibt es?

Ob nicht trotzdem manchmal Ängste im Spiel seien? Definitiv. Des Risikos sei er sich bewusst, schließlich investiere er viel Geld aus der eigenen Tasche, das er sich hart erarbeitet habe. Immer wieder hinterfrage er sich selbst: Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Gehe ich gerade unnötige Risiken ein? “Dafür sind Ängste sehr gesund.” Von seinen Ängsten leiten lassen habe er sich aber nie. Der Ansporn und die Motivation hinter dem Projekt seien so groß, dass er sich nie die Frage gestellt habe, ob er es tun solle oder nicht, sagt Ivo Rettig. “Ich denke immer in Chancen und Möglichkeiten und suche Optionen, wie ich weiterkommen kann.”

Wichtig ist, dass man aus Fehlern lernt

Gelernt habe er das beim Diabetes-Management. Kontinuierlich die Blutzuckerwerte beobachten, Situationen analysieren, Veränderungen vornehmen, schauen, ob sie funktionieren, erneut nachjustieren. Genauso funktioniere es auch, ein Unternehmen oder Produkt aufzubauen. Immer wieder müsse er die Vision von DIALETiCS auf den Boden der Tatsachen zurückholen, Ideen möglichst rasch unter realen Bedingungen prüfen, Feedback einholen und das Konzept gegebenenfalls optimieren. “Das ist für mich Unternehmertum”, sagt er.

Auf der Suche nach Investoren und Partnern müsse man an viele Türen klopfen, Gespräche führen und Pitches halten. Nicht immer sei das auf Anhieb erfolgreich. “Auch wenn es wie ein Kalenderspruch klingt, aber ich sehe Rückschläge als Lern-Chance”, sagt Ivo Rettig. “Auch nach 22 Jahren mit Diabetes passieren mir Fehler. Ich verschätze mich mal, vergesse zu spritzen, oder, dass ich nicht mehr genug Insulin im Reservoir habe. Wichtig ist, dass man daraus lernt.”

Diabetes kann man trainieren

Hier sieht Ivo Rettig auch die Lücke im Gesundheitssystem. Es biete keine Zeit für Menschen mit Diabetes, praktisch zu lernen. Gerade einmal eine halbe Stunde pro Quartal stehe für die Diabetes-Beratung in der gesetzlichen Krankenversicherung im Regelfall zur Verfügung, Administratives inklusive. Allein beim Frühstück spielten unzählige Faktoren in den Verlauf des Blutzuckers hinein: Habe ich eine erhöhte Insulin-Resistenz am Morgen? Zu welcher Uhrzeit esse ich? Wie lange war ich am Vorabend wach? Nutze ich Insulinpumpe oder -pen? Esse ich schnell oder langsam? Habe ich aktuell Stress? Wenn der Menstruationszyklus eine Rolle spielt: In welcher Zyklusphase befinde ich mich? Trinke ich Koffein? “Das zu verstehen, braucht unheimlich viel Übung, Ausdauer und Zeit”, sagt Ivo Rettig. “Zwei Stunden im Jahr reichen niemals, um die Fähigkeiten zu lernen, die nötig sind, die Komplexität des Diabetes-Managements annähernd zu beherrschen”, meint er.

DIALETiCS ist ein Kofferwort aus Diabetes und dem englischen Wort Athletics. “Sport ist ein wichtiger Ausgleich in meinem Leben. Ich liebe es, mich sportlich zu messen, sich gegenseitig zu pushen und dabei besser zu werden. Daher weiß ich, wie wichtig es ist, zu trainieren”, sagt Ivo Rettig. Auch den Diabetes könne man trainieren wie eine Sportart, wenn man sich darauf einlasse, sich immer wieder reflektiere, werde man immer besser darin, seinen Blutzucker zu steuern, und gewinne dadurch mehr Freiheit fürs Leben. Bei DIALETiCS sollen Menschen mit Diabetes Unterstützung bei diesem Training finden.

Wieder mehr Zeit für den Menschen

Wie groß der Bedarf dafür ist und wie viele Menschen Unsicherheiten und Ängste im Umgang mit dem Diabetes haben, weiß er aus seinen Coachings. Seit zehn Jahren unterstützt er Menschen mit Diabetes nebenberuflich als Mentor dabei, ihre Wünsche und Ziele zu erreichen und sich im Umgang mit ihrem Diabetes sicherer zu fühlen.

Dass seine Arbeit und das Angebot von DIALETiCS Gesundheits-Fachkräfte nicht ersetzen könne und er das auch nicht wolle, betont Ivo Rettig. Man wolle kein Wettbewerb zur klassischen Diabetes-Schulung sein und gebe auch keine Therapie-Empfehlungen. Es gehe darum, Menschen mit Diabetes auch für die Zeit zwischen den Terminen beim Diabetes-Team etwas an die Hand zu geben, ein Angebot zu machen, bei dem sie von anderen Betroffenen lernen können, Perspektiven und Bewältigungsstrategien anzubieten und zu motivieren. “Auch mit Diabetes kann man das Leben leben, das man sich wünscht”, sei die Botschaft dahinter. Idealerweise, so Ivo Rettigs Wunsch, könnten Diabetes-Fachkräfte das Angebot ergänzend zu ihren Schulungen nutzen, um sich wieder mehr Zeit für die individuellen Anliegen der Menschen zu verschaffen.

Weitere Infos: Mehr über Ivo Rettigs Vision und sein Start-up DIALETiCS erfahren Sie auf dialetics.de.

Um diese Vision von DIALETiCS Wirklichkeit werden zu lassen, möchte er künftig verschiedene Menschen und Experten auf der Plattform zusammenbringen. Gemeinsam mit ihnen will er einen Weg finden, möglichst vielen Menschen einen positiven Einstieg und Zugang zu einem erfüllten Leben mit Diabetes zu verschaffen. “Man braucht große Visionen, um voranzukommen”, sagt Ivo Rettig.


von Verena Schweitzer

Verena Schweitzer ist Journalistin. Sie war bis 2024 tätig als Redakteurin beim Diabetes-Journals bzw. beim Diabetes-Anker.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2024; 72 (5) Seite 40-43

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  • stephanie-haack postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂

    Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/

  • tako111 postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.

    Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.

  • moira postete ein Update vor 2 Wochen, 4 Tagen

    Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
    War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?

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