Neue Zahnpasta stoppt Parodontitis-Bakterien – warum das gerade für Menschen mit Diabetes wichtig ist

3 Minuten

Neue Zahnpasta stoppt Parodontitis-Bakterien – warum das gerade für Menschen mit Diabetes wichtig ist | Foto: LIGHTFIELD STUDIOS – stock.adobe.com
Foto: LIGHTFIELD STUDIOS – stock.adobe.com
Neue Zahnpasta stoppt Parodontitis-Bakterien – warum das gerade für Menschen mit Diabetes wichtig ist

Parodontitis zählt zu den am weitesten verbreiteten chronischen Erkrankungen – und sie betrifft gerade bei Menschen mit Diabetes weit mehr als nur die Mundgesundheit. Fraunhofer-Forschende haben nun eine Substanz entdeckt, die gezielt nur jene Bakterien ausbremst, die Parodontitis verursachen und das natürliche Gleichgewicht im Mund zu bewahren. Diese ist bereits in einer neuen Zahnpasta erhältlich.

Parodontitis beginnt häufig unauffällig, etwa mit Zahnfleischbluten oder Entzündungen am Zahnfleischrand. Das orale Mikrobiom umfasst über 700 Bakterienarten – einige davon können schwere Schäden anrichten. Werden die krankmachenden Keime nicht rechtzeitig gestoppt, entzündet sich der gesamte Zahnhalteapparat. Das führt nicht nur zu Zahnfleischrückgang und gelockerten Zähnen, sondern kann den gesamten Körper belasten, denn Bakterien gelangen über den Blutkreislauf in andere Organe. Die Folgen können Diabetes, Rheuma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder sogar Alzheimer begünstigen.

Gerade Menschen mit bestehendem Diabetes sind besonders gefährdet. Hohe oder schwankende Blutzuckerwerte beeinträchtigen die Abwehr im Mund und fördern zusätzlich das Wachstum schädlicher Bakterien. Studien zeigen: Menschen mit Diabetes haben ein bis zu dreifach erhöhtes Risiko, an Parodontitis zu erkranken. Und eine unbehandelte Parodontitis erschwert ihrerseits die Blutzuckerkontrolle deutlich. Beide Erkrankungen verstärken sich also gegenseitig.

Bisherige Lösungen greifen auch nützliche Bakterien an

Herkömmliche Mundspüllösungen oder antiseptische Zahnpflege töten sowohl pathogene als auch nützliche Bakterien ab. Das Problem: Beim Wiederaufbau der Mundflora haben krankmachende Keime wie Porphyromonas gingivalis oft einen Startvorteil. Genau hier setzt der neue Wirkstoff an.

Prof. Dr. Stephan Schilling erklärt die Besonderheit der entdeckten Substanz Guanidino­ethyl­benzyl­amino Imidazopyridine Acetat so: „Sie tötet die Gingivitis-Erreger nicht einfach ab, sondern blockiert nur deren Wachstum. Sie können ihre giftige Wirkung nicht entfalten, und die gesunden Keime können ihnen sonst verwehrte Nischen besetzen. So hilft der Stoff im Einklang mit den gesunden Bakterien, das mikrobielle Gleichgewicht im Mund sanft aufzubauen und stabil zu halten.“

Der Weg zum marktfähigen Produkt war lang. In Zusammenarbeit zwischen dem Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie (IZI) und dem Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen (IMWS) wurde die Mikrobiom-Zahnpasta des Spin-offs PerioTrap entwickelt, inklusive Putzkörpern und Fluorid zum Schutz vor Karies. „Das Produkt dient der Vorbeugung von Parodontitis. Wie eine normale Zahnpasta enthält es aber auch Putzstoffe und Fluorid zur Vorbeugung von Karies“, sagt Dr. Mirko Buchholz von PerioTrap.

Neues hochwertiges Zahnpflegeprodukt in medizinischer Qualität

Weil der neue Wirkstoff zwar Bakterien blockieren, aber nicht in den Körper gelangen darf, waren umfangreiche Sicherheits- und Materialtests nötig. Das Team am Fraunhofer IMWS überprüfte jede neue Rezeptur gründlich. Dr. Andreas Kiesow fasst es so zusammen: „Einfach ausgedrückt: Wir sagen am Ende, ob die Zahnpasta funktioniert.“ Die Entwicklung folgte zudem strikt den Richtlinien der Guten Laborpraxis (GLP). „Wir haben nicht einfach eine gute Zahnpasta mit einer neuen Substanz entwickelt, sondern ein hochwertiges Zahnpflegeprodukt in medizinischer Qualität“, betont Prof. Dr. Schilling.

Auch für den Einsatz in Zahnarztpraxen arbeiten Fraunhofer und PerioTrap weiter: Ein Gel zur Anwendung nach der professionellen Zahnreinigung soll pathogene Keime blockieren und die Mundflora stabilisieren. Zudem sind Mundwasser sowie Produkte für den internationalen Markt und sogar für Haustiere geplant – denn auch Hunde und Katzen leiden häufig unter Parodontitis.

Erfolgreiche Parodontitis-Behandlung verbessert die Stoffwechsellage

Für Menschen mit Diabetes könnten diese neuen Ansätze ein entscheidendes Puzzleteil sein, um den „Teufelskreis“ aus schlechter Blutzuckereinstellung und chronischer Entzündung zu durchbrechen. Denn eine erfolgreiche Parodontitisbehandlung senkt nachweislich den HbA1c-Wert und verbessert die allgemeine Stoffwechsellage. Umgekehrt kann eine gute Blutzuckerkontrolle das Parodontitisrisiko wieder auf Normalniveau senken.

Für alle gilt: Warnsignale wie Zahnfleischbluten, Mundgeruch oder Zahnlockerung sollten ernst genommen werden. Regelmäßige Kontrolluntersuchungen, professionelle Zahnreinigungen und konsequente häusliche Mundhygiene bleiben die Basis, aber moderne Mikrobiom-Produkte könnten künftig einen wichtigen zusätzlichen Baustein für eine stabile Mundgesundheit liefern.


von Gregor Hess

Avatar von gregor-hess

mit Materialien der Fraunhofer-Gesellschaft

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Diabetes und Mundgesundheit: Beim Zahnarzt und beim Diabetes-Check
Menschen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko für Parodontitis, also eine chronische Entzündung des Zahnhalte-Apparats z. B. mit Zahnfleischbluten und Zahnausfall. Dies liegt an mehreren biologischen Mechanismen, die miteinander zusammenhängen. Was daher bezüglich Diabetes und Mundgesundheit wichtig zu wissen ist, erfahren Sie hier.
Diabetes und Mundgesundheit: Beim Zahnarzt und beim Diabetes Check | Foto: Friends-Stock – stock.adobe.com

3 Minuten

Hin und zurück – bis ans Ende der Dia-Welt: #41 | Serie zu Vorsorgeuntersuchungen (2): die Zähne
Parodontitis und Karies treffen Menschen mit Diabetes häufiger und schwerer. Warum erhöhte Blutzuckerwerte die Zahngesundheit gefährden, wie eine einfache Routine schützt und welche Vorsorgeuntersuchungen notwendig sind, erklärt Caro in ihrer Kolumne.
Hin und zurück – bis ans Ende der Dia-Welt – #41: Vorsorgeuntersuchung (2): Die Zähne

3 Minuten

Community-Beitrag
Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • Am Mittwoch um 19 Uhr findet das nächste Community-MeetUp via Teams statt. Alle sind herzlich eingeladen! Alle Infos findet ihr hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-august-2026/

  • thomas55 postete ein Update vor 1 Monat, 2 Wochen

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Monat, 2 Wochen

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße